Die Judenverfolgung in Rußland
Rudolf Lavant · 1844–1915
65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893
(1891.)
Wenn sie in Leipzig sich versammelnUnd dort, nachdem sie pokulirt,Ihr altes, blödes Credo stammelnVon Juda, das die Welt regiert;Wenn sie in jeder Tonart hassen,Wenn Stöcker zu den Treuen spricht,So kann man sie gewähren lassen –Sie bellen, doch sie beißen nicht.
Doch wenn im weiten Reich des Zaren,In dem die Sonne nicht versinkt,Gelassen den KosackenschaarenDer unumschränkte Herrscher winkt,Wenn er den ewig HeimathlosenDie letzte Zufluchtsstätte raubt,Dann reißt den Kranz aus weißen Rosender Menschheit Engel sich vom Haupt.
Du stolzes, prahlendes Jahrhundert,Das rastlos neue Pfade bahntUnd sich so oft und gern bewundert –Wann hast du solche Schmach geahnt?Und hallt ein Schrei durch alle LandeVon Kontinent zu Kontinent,Verkündend laut, daß Rußlands SchandeVerzehrend dir im Herzen brennt?
Du solltest flammen, solltest trauern,Und findest in der Seele kaumZu einem frostigen Bedauern,Zu einem Achselzucken Raum!Wer hätte das zu Lessing’s ZeitenIn trüben Stunden nur gedacht?Fürwahr, bei allem VorwärtsschreitenHat man es herrlich weit gebracht!
Und wären’s wenigstens die Echten,Die da Millionen eingesackt,Die man, den Kantschu in der Rechten,In die Kibitke höhnend packt!So aber werden sie entschlüpfen,Sei’s so, sei’s anders, der Gefahr,Denn die Kosackenherzen hüpfenUnd fühlen menschlich – gegen baar.
Sie bleiben fühllos wie die WändeWenn dir vom Aug’ die Thräne tropft,Allein sie haben hohle Hände,Die man mit Rubelscheinen stopft.Man bringt, daferne man beschnitten,Tribut zur rechten Stunde darUnd wird auch fernerhin gelitten –Das Gold ist mächt’ger als der Zar.
Die sie vor ihre Hütten setzenMit Weib und Kind mit roher Hand,Die sie aus ihren Städten hetzenIns öde, graue Steppenland,Die wehrlos und verzweifelt weinenIn fremder Welt in Angst und Noth,Das sind die Armen, Schwachen, Kleinen,Die sich gemüht ums schwarze Brot.
Dem Volke gilt’s – doch nicht die Reichen,Die Herren über’s Gegengift –Die Armen sind’s, die Hungerbleichen,Die des Ukases Härte trifft.Und weil es so, weil alles KlagenUmsonst zu tauben Ohren sprach,Sei dieser Schand-Ukas geschlagenFür ewig an den Pfahl der Schmach!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Judenverfolgung in Rußland“, Fassung 3.513.760 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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