Mondnächte
Richard Dehmel · 1863–1920
109 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
I.
Damals, Seele, ja; ich war ein Kind –und das alte Forsthaus dumpf und eng.Und in hellen und in dunkeln Nächten,wenn ich so am Kammerfenster standund die großen Eichen schwarz erschauern hörte,wurde mir das Dach noch dumpfer.Denn immer sah ich,drüben,drüben fern,wo aus der Waldnacht um die Felderdie Eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,immer ruhte dann da drübendurch die Wolkenjener weitgewobne Schimmerkreis.Und in bleichen Nächtenwar er blaß und flehendwie ein Heiligenschein,aber in den grauentröstlich blau und schirmendwie der Glanz von einem klaren Stahlschildoder mild und gelb wie Kronengold;und ich wollte König werden.Meine Mutter aber sagte mir’s,dort lag Berlin ...Damals wußt’ich nicht, warum mir bangte,als sie mir die Stirne küßte.Dort lag die Lichtstadtund straalte ...
Heute ist auch Nacht;der Mond will in mein Fenster,und ich sehe über tausend Dächer.Im schweren, weichen Schneeruhn und horchen mit verhaltnem Atemdie Schatten der Stadt.Bis in den blauen Silberschein der Ferneschwillt in langen Faltenweiß und zart die sanfte Decke hin,wie über die Kisseneines Täuflings.Die aber, die darunter schlafen –und wachen? – –Schwarz und scharfstechen die Türme,Kirche neben Kirche,in den kühlen Himmel;stahlspitz flittert ein Glanzum die finsterhohe Kuppelkronejenes Palastes,und über einem dicken Schlotestockt ein Schild von Qualm.Jetzt, unten an der Ecke drüben,wo eine Gaslaternetrübgelb mit dem Mondlicht kämpft,schimpft ein frierender Schutzmannein betrunknes Straßenmädchen aus.Seele, ja:da liegt Berlin ...
II.
Der Nebel staut sich,Hütten dunkeln,Dorfgiebel fliegen über Lichtern hin,noch bleicher wird die Nacht;die jagende Wagenkette,schwenkend, strafft sich,die Maschine heult Warnung,und vorbei.Ein entlaubter Kirchhof,und wieder kreisenum mein klirrendes Fensterdie toten Wiesen,huschen Büsche,eilt der fahle Streifen Horizontauf den kriechenden Wäldern lang;mich fröstelt.
Drei Monate:da war die Mondnacht warm und anders.Wie auf Wolkentrug der kleine Kahn des stummen Fischersuns den Strom hinab,selbst die Schatten gaben Licht;an meiner Seite saß ein Freund,und ich sagte ihmalle meine Sünde – und ihr Glück.Und über ihrem Giebel,unterm Baldachin der Königspappel,als wir durch die Brücke bogen,stand groß und strahlend,wie in einem Tabernakel,der goldne Mondund neigte flimmernd auf das Moos des Dachessein grünes Haar.Gestern aber, als ich Abschied nahm:„Mein Fräulein, Glück?“ – Und jener Freunddachte wol schon damals:du Tropf und Schuft!
Mein Fenster schwitzt;das kühlt die Stirne;gleich und gleich gesellt sich gern.Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäulbleich ins bleiche Feld;ein Dornbusch zerreißt ihn.Jetzt: dort starrt,wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,der grelle Vollmond durch die kahlen Birken;die Zacken weichen,mit seinen langen blassen Füßenläuft er auf den blanken Schienenmeinen rasenden Gedanken nach.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Aber die Liebe, 1. Auflage, Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto, München, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mondnächte“, Fassung 1.479.427 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Richard Dehmel starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118679236 der Deutschen Nationalbibliothek.
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