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Versbuch

Die Fabrik

Rudolf Lavant · 18441915

62 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1900

Frei nach dem Schwedischen des H. Wallander von E. Brausewetter und R. Lavant.

Dicht bei dem Schacht, wo das Förderwerk stöhnt,Steht die Fabrik. Ihr Hämmern und Sausen,Ihrer Maschinen Dröhnen und BrausenLärmend weit in das Land hinaus tönt.Ringsum Oede. Nur fern ein Waldsaum,Schatten verheißend und Stille und Duft;Doch eine Mauer verwehrt der LuftRagend den Eingang in den Fabrikraum.

Und in dem riesigen Mauerkoloß,Wo es so dumpfig, so sonnenlos,Müht und quält sich ein Arbeitertroß.Hart ihre Glieder und welk die Gesichter,Düster im Auge die flackernden Lichter.

Eh’ der Tag im Osten dämmert,Müssen sie zur Arbeit ziehn,Denn es dröhnt und saust und hämmert,Wenn die Morgennebel fliehn.„Eilen! Sich sputen!Keine MinutenStehlen dem Herrn, dem freundlichen, guten!“Mahnt immerfortIhrer Aufseher Wort.

Kommt dann der Abend,Heim Jeder keucht,Schmutzig, müd’ trabend,Niedergebeugt,Seelenverdüstert, sinnenstumpf,Herzverbittert von all der Frohn,Kupfer und Nickel der ganze Lohn,Heim in die Kammer so öd und dumpf.

Kaum ist jedoch die Nacht entfloh’n,Die Hämmer und Räder schon wieder dröhnen,Die Dampfmaschinen, sie sausen und stöhnen,Die ragenden Oefen, sie qualmen und loh’n.Keine Ruh, keine RastFür die Muskeln und Knochen,Nur ein Schaffen in HastBis die Kräfte gebrochen! ― ― ―

Fern jedoch von der Fabrik,Still in alter Bäume Schatten,Liegt, umgrünt von Rasenmatten,Kühl ein Villenschloß am Wiek,Wo im prunkerfüllten SaalUnd in hellen, weiten RäumenSeine Tage darf verträumenDer gestrenge Prinzipal.

Aller Augen auf sich lenkteKürzlich er als PhilanthropUnd es trug ihm Ehr’ und LobEin, daß er ein Stift beschenkte,Drin sich alte Edeldamen,Die da keinen Mann bekamen,Ihrem Stande angemessen,Sorgenfrei zu Tode essen.* * *Ständig die Oefen des Hammerwerks glühn,Ständig die Sklaven der Arbeit sich müh’nNur um das kärgliche tägliche Brot.Aber so oft sie im Qualm der FabrikDenken des schimmernden Schlößchens am Wiek,Blitzt in den Augen der drohende Tod.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1900
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Fabrik“, Fassung 3.439.540 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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