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Versbuch

Der Frühling

Rudolf Lavant · 18441915

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Gehst du im frühen Lenze durch den Wald,Des Lebens froh im erst so stillen Reiche,So hasten sinnend deine Blicke baldAm frischen Wuchs der nächsten jungen Eiche;Denn neben zarten Laubes grünem Braun,Das aus den Knospen bricht in krauser Fülle,Ist fahles Laub an jedem Zweig zu schau’n –Vom letzten Jahr die abgestorbne Hülle.

Es haftet fest und zäh an seinem Ort,Es sträubt verdrossen sich und will nicht weichen;Nur ab und zu führt lose Blätter fortDer laue Frühlingswind als Siegeszeichen,Und eh’ am Boden und auf Weihers GrundDas letzte Blatt vermodert und verrottet,Hat raschelnd es das Blühen in der Rund’,Hat es den Frühling hundertmal verspottet.

Und soll das fahle, winterliche LaubNicht bis zum Sommer seinen Platz bewahren,So muß mit sieghaft-fröhlichem GeschnaubDer Frühlingssturm durch alle Wipfel fahren.Das thut es nicht, das kosend-linde Wehn,Vor dem die Knospen aller Blumen springen;Vor sanftem Hauch wird welkes Laub bestehn –Der Sturm allein kann grüne Eichen bringen!

Und niederrauschen muß in warmer NachtDer Regen auch in dichten schweren Güssen;Dann wird das Laub, das zagend sich und sachtHerausgewagt, gewaltig wachsen müssen.Dann hat für Welkes keinen Platz der Baum,Er kann’s nicht länger neben Grünem tragen –Zu bloßem Spuk, zu bloßem bangen TraumWird jenes für den Wald nach wenig Tagen.

Und ist es anders wohl in der Natur,Als in der Völker, in der Menschheit Leben?Des Neuen spottet oft des Alten Spur,Das trotzig sucht am alten Ort zu kleben,Und in den Frühling einer neuen ZeitSiehst du, gespenstisch fast, das Alte ragenUnd höhnend macht ein Überrest sich breitAus längst vergangnen, überwundnen Tagen.

Da gilt es auch, mit froher SturmesmachtHinwegzufegen, was da hemmt das Sprießen,Mit milder Fluth in lauer FrühlingsnachtDas junge Laub, das zage, zu begießen;Und kam nach langer winterlicher NothHerauf des Jahres heißersehnte Wende,So sei auch aufgeräumt mit dem, was todt,Und nicht verzögert sei des Alten Ende!

Die Zeit verlangt ein männlich-kühnes Wort –Ihr frommen nicht die Halben und die Lauen,Die rechts und links bedenklich immerfort,Die vor- und rückwärts ängstlich-zaudernd schauen.In unsre Zelte laden die wir ein,Die’s mit dem Neuen treu und ehrlich halten;Wir werden Sturm und warmer Regen sein –Dem Neuen Freund, doch Feind dem Todten, Alten!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Frühling (Lavant)“, Fassung 4.392.208 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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