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Versbuch

Der gefangene Riese

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1881

Kein Märchen. Von Rudolf Lavant.

Er rang sich wund an seinen KettenVerzweiflungsvoll in strenger Haft,Und nimmer hofft er sich zu rettenAus dem Verließ durch eigne Kraft,Und Sonnenlicht und WellenrinnenUnd Finkenschlag und Fichtenduft,Sie wurden seinen trüben SinnenZu Traum und Schaum im Bann der Gruft.

Es starrt sein Blick in öde WeitenUnd grau ist alles, todt und kalt.Da sieht er schlüpfen es und gleitenBehend durch jeden Gitterspalt,Und Zwerglein sieht er dann erscheinenIn knappen Wämsern, silbergrau,Und all’ die fünfundzwanzig Kleinen,Sie nicken tröstend ihm und schlau.

Und emsig trippelnd sieht er eilenAns Rettungswerk den Zwergenschwarm,Und emsig, unermüdlich feilenDie Fesseln sie von Fuß und Arm.Sie sehn mit kicherndem Gelächter,Wie er die Eisenthür erbricht ―Er fällt mit einem Schlag den WächterUnd stürmt empor zu Luft und Licht.

Es fliehn mit schreckensbleichen Wangen,Die lange sicher sich geglaubt,Seit sie den Mächtigen gefangenUnd Reich und Freiheit ihm geraubt.Er war im Kerker wohl verdorben,Von wannen keine Wiederkehr,Er war vielleicht bereits gestorben ―Sie durften schwelgen nach Begehr.

Nun steht er da ― sein Auge lodert.Zerstoben ihr gestohlen Glück!Mit drohender Geberde fordertSein Recht der Schreckliche zurück.Es scheucht der Anblick seiner ZügeDen Troß, der lange ihn verlacht,Es flüchtet die entlarvte LügeZurück ins Schattenreich der Nacht.

Und Jubel weckt in Feld und GassenDas Tagen einer bessern Zeit,Und freudig zeigt der Fürst den MassenDie Zwergenschar, die ihn befreit.Er neigt sich dankend vor den Kleinen,Die ihn erlöst aus Kerkerdunst ―Ja, als Erretter darf erscheinenDem Menschengeist die Druckerkunst. ―

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Neue Welt Nr.1, S.14, Goldhausen, Leipzig, 1881
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der gefangene Riese“, Fassung 3.435.257 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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