Der Landbriefträger
Rudolf Lavant · 1844–1915
25 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1903
Im Schnee vergraben liegen alle HüttenVom Himmel schneit es immerfort wie tollUnd höret nimmer auf mit Flockenschütten,Man weiß nicht mehr, was das noch werden soll.Doch heiter stapf’ ich durch den weißen Segen,Die harte Arbeit ist mir heut’ ein Scherz,Denn alle Kinder jauchzen mir entgegenUnd mit der Jugend jauchzt mein altes Herz.
’s ist keine Kleinigkeit! es drückt den Rücken,Doch in den Sturmwind pfeif’ ich dann und wann,Heut’ wird mein Kommen jedermann entzücken ―Für’s ganze Dorf bin ich der Weihnachtsmann!Denn aus der Stadt, wo hinter blanken ScheibenEin Wundergarten für die Kleinen feil,Bring’ ich auf’s Dorf in wirrem Flockentreiben,Auf Holperwegen ein bescheidnes Teil.
Das letzte Blatt entführte von den ZweigenDer raue Ost, der in das Mark mir dringt,Doch aus der Brust will Maienfreude steigen,Die mit der Lerche und der Amsel singt;Und wärm’ ich dann am Ofen meine KnochenUnd glimmt im Pfeifchen meines Tabaks Rest,Begeht inmitten seiner schwersten WochenDer Bote still das liebe Weihnachtsfest.
R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1903
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Landbriefträger“, Fassung 4.638.704 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.