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Versbuch

Das seltsame Sterben

Paul Haller · 18821920

79 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1922

Laßt aus frohen JugendtagenEuch mein liebstes Leid berichten:Seltsam Sterben eines Freundes,Das in trauten NachtgesichtenJahrelang mit mir gewandert.Eines Freundes, den ich liebteWie mich selber; den ich kannte,Meine zweite Seele nannte.

Still auf eines Berges KnieenLag das Dörflein. Auf zum HaupteStieg der Knabe jenes Morgens,Der sein junges Leben raubte.Grünten nicht die Frühlingswälder?Lag der Nebel nicht im Tale?Glänzte nicht im SonnenstrahleSilbern die betaute Welt?War es nicht ein heilger Morgen?Abends fand man meinen liebenFreund zerschmettert unterm Felsen.Und die Rede ist gebliebenIn des Dörfleins stillen Hütten,Daß er Maienglöcklein suchteUnd am Felsen ausgeglitten.

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Besser weiß ich’s, weil er selberOftmals mir’s im Traum gewiesen.Und ich wußt es ohne Träume,Weil’s mein Freund war, den ich kannte,Meine zweite Seele nannte.

Keiner sah ihn je auf BergenTollkühn klettern, lustig wagen.Und an jenem klaren MorgenNicht nach Blumen stieg er einsam;Nur die Sonne wollt er sehen,Eh sie auf den Berg gestiegen!Ja, dem Licht entgegenfliegen,Daß er früher als die BergeAus den goldnen Bechern trinke,Glühend an der höchsten GöttinLichtumwob’ne Knie sinke!Denn so war er, so ein Träumer,Der auf Wolken weltumreiste,Der auf blauen HimmelswiesenBlumen pflückte, Sterne küßte,Nach dem Licht mit Händen griff!Und das Träumen, das er büßte,War die einz’ge große FreudeDie das Leben ihm beschiedenNeben seinem großen Leide.

Fragt ihr, wie es denn gekommen? –Heimlich dämmerten die Tale.An den Bäumen festgeklammertStand er droben, als die SterneBlaßten unterm hellern Strahle.Leuchtend malte sich der Osten.Herrlich wuchsen goldne BäumeAus der Nacht verträumten Tiefen,Breiteten die FlimmerästeÜber Lande, die noch schliefen.Und der Schöpfung kleinste Seele,

Jedes Blatt am tiefsten Strome,Hob die Hände voll Verlangen,Himmelsfrüchte zu empfangen.Aber meines Freundes SeeleWollte hoch ob allen andernDurch die klaren Lüfte wandernUnd zuerst die Sonne sehen!Und das Kind vergaß die Erde,Löste kühn die schwachen ArmeVon den Bäumen, stand dort obenAuf des Felsens höchster Kante,Halb schon in die Luft gehoben. –Und dann sprang er in den Himmel. – –

Freundlich trugen ihn die Lüfte,Rauschend grüne WaldesgrüfteZogen meinen Freund ans Herz.Ja, sein Leben und sein LiebenUnd sein seltsam schönes SterbenSind mein liebstes Leid geblieben.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 67–69, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das seltsame Sterben“, Fassung 2.572.876 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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