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Versbuch

Die Kanone

Paul Haller · 18821920

74 Zeilen · zuerst gedruckt 1922

Wo des Museums stiller HallenkranzDen Hof umschlingt, von fern Platanen lauschenUnd scheues Licht auf nahen Teichen spielt,Verlier ich mich im Wandern und im Sinnen.Nur leise folgt das Echo meinem Schritt;Es hallt und schwindet wie ErinnerungAn alte Zeiten, Freud und Menschenqual.Mein Auge folgt dem hohen MauerringUnd eines Sperlings Flug, der hoch vom DachSich fallen läßt und dem beschwingten LeibAuf des Geschützes Rohr, im Hof gepflanztAls Zeugnis alter Schweizer Waffenkunst,Bei seinem Liebchen wieder Ruhe schenkt.Wie frech das Pärchen hier am hellen Tag,Als wär es unbelauscht, sich Liebe gönntMit frohem Zwitschern, Kuß und Flügelschlag!Und dann mit zarter Füßchen leichtem HüpfenDas Rohr bewandert bis zum Wappenschild,Das Zürichs Leuen hüten, hellen AugesDie Inschrift sich beschaut: „Hans Füßli goß mich“Und dann zurück zur Mündung, hin und her,Als wär es abgesandt, mit Kennerblick,Das Stück auf Stahl und Konstruktion zu prüfen!Und husch! zum Dachrand auf! – Mit hellem PfeifenZiehn Knaben in den Hof; zwei Knirpse stehenUnd wundern sich und prahlen klug wie Kinder:„Lug, Heiri, lug auch die Kanone da!Mit der kann man bis auf den Ütli schießen!“„Du aber nicht! du kannst ja unterm RohrGanz aufrecht durch! Du, lug auch da die Kugel,Die haben sie im Bauernkrieg geschossen!Komm, lüpf! ich will sie dann ins Rohr probieren.“Nein du, das darf man nicht! was meinst du, Heiri,Wie viel hat die Kanone ächt gekostet?So etwa eine Franke, oder nicht?„Ja du, nur eine Franke! du bist gut!Zehn Franken, sag ich dir, vielleicht noch mehr!Und dann das Pulver! Komm, die andern warten!“ –Sie ziehn und prahlen fort. Im stillen RaumErstirbt der Klang der hellen Kinderstimmen.Doch drinnen, wo die alten Panzer rosten,Wo Fahnen trauern, staubig, kampfzerfetzt,Wo Büchsen schlafen, Schwerter müßig stehn,Ersteht ein Rauschen wie von WindesschreitenDurch Fahnenwald, Trompeten jauchzen aufUnd schmettern Sturmruf, schwere BaßgewaltErdröhnt aus Hörnern, die die Mauern schüttert.Ein klirrend Schwerterschlagen; Kampfgetös,In Donner eingetaucht und dumpf im Takt.Gewaltiges Schreiten eines fernen Heers.Horch! auch im Hof das Rohr, es brummt und zittert,Und singt mit Macht ins allgemeine Lied,Den Donner brüllend in die wilde Schlacht.Und wie sie dann die Stimmen wieder dämpfenUnd bang verstummen, mäßigt es den Ruf,Verstummt wie sie und harrt im alten Schweigen. –– Nun hab ich hundertmal den Hof durchmessen,Das Echo hinter mir. Ei sieh! Das Pärchen,Vom Dachrand senkt es sich, und seh ich recht,So schleppt es sich mit Halmen, schlüpft ins Rohr,Verweilt und zeigt sich wieder, hüpft und sucht,Und füllt den Raum mit emsigem Geflatter.Ein Nestchen baut es im Kanonenrohr!Ei, das ist stark! Mich wundert ob die LeuenAm Wappenschild sich solches bieten lassen,Und ob das Brummen nicht sich neu erhebt!Frech ist der Spatz! Hans Füßli, der du einstDas blanke Stück aus schmutz’ger Form geschältUnd stolz betrachtet, auf! setz dich zur Wehr! –Still bleibt der Hof! Nur die Platanen lauschenVon fern herüber, auf den Teichen spieltDas nahe Licht, es glänzt bis übers Rohr,Spinnt in die schwarze Mündung weiß GewebUnd hellt dem Spatzenvolk den dunklen Gang.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 51-53, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Kanone“, Fassung 3.514.288 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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