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Versbuch

Der Ruf aus der Tiefe

Paul Haller · 18821920

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1922

Es zog ein Knabe durchs Schweizerland,Saß nieder im Dorf, wo er Arbeit fand,Ein starker, verschlossener Junge,Trug nie sein Herz auf der Zunge.

Da riefen heimlich die Mädchen ihm zu:Was für ein Schöner und Stolzer bist du!Die Mütter machten ihm Augen:Hier kann dein Stolzkopf nicht taugen!

Des Ammanns Tochter am KirchweihtanzWollt nicht mehr tragen den Jungfernkranz.Sein war ihr Herz und ihr Wille;Sie gab ihm den Kranz in der Stille.

Doch als schon der Pfarrer im Chorrock stand,War der Knabe davon und weit übers Land.Wie mußte das Mädchen sich grämen,Und ihr Vater, der Ammann sich schämen.

Bald legte sie sich und säugte ein Kind,Ein Mädchen so frisch wie der Morgenwind.Sie drückt’ es mit bitterem Weinen:Dir wird kein Glücksstern je scheinen!

Auf sprang sie zur Nacht und barg es im Kleid,Trug’s heimlich geborgen und trug es so weit,Daß niemand sein Schreien mehr hörte. –Dort warf’s in den Fluß die Betörte,

Wollt’ selber nach – da riß sie ans LandVom Ufergebüsch eine starke Hand:Hier bin ich! Kannst du vergeben?Von heut an gehört dir mein Leben!

Gebrochen die Lieb! Gebrochen die Treu!Verdorben das Kind! Zu spät deine Reu!Mein Kind, mein Kind in den Wellen!Das schüttelt den starken Gesellen.

Hart packt er das Weib, schwingt hoch sie hinaufUnd springt mit ihr in den gurgelnden Lauf. –Der glaubte wohl, daß ihnen riefeDas tote Kind in der Tiefe.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 59-60, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Ruf aus der Tiefe“, Fassung 3.441.194 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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