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Versbuch

Die Tanne

Paul Haller · 18821920

38 Zeilen · zuerst gedruckt 1922

Horch die Glocke! Mag die Tanne stehnUnd noch einen letzten Sonntag sehn!Montags soll sie fallen! „Nichts da! heute!Nieder mit! sie hört ihr Grabgeläute!“Freudig sehn sie schon den Wipfel nicken,Lustig fluchend zerren sie an Stricken,Daß sie nicht ihr Ende zornig rächend,Sich auf’s Jungholz stürze, wipfelbrechend.Ächzend unterm Taktschlag roher BeileSchmettert hin die grüne Riesenkeule,Greift im Sturz den nächsten der GesellenUnd begräbt ihn unter Nadelwellen. –Horch die Glocke! Unter grünen WogenHaben sie den Mann hervorgezogen;Auf den Zweigen, die ihn schlugen, liegt er,Bleiche Wangen in die Nadeln schmiegt er,Und den rauhen Weg von Berg zu TaleMacht er mühlos, doch zum letzten Male.Unter ihm die starken Männerschritte,Über ihm schon zage Sternentritte,Flüchtig Ziehen einer WolkenflockeUnd der linde Takt der Abendglocke.Wie sie ausklingt, hebt sich JammerschreienAus des Dörfleins stillen Häuserreihen;Durch die scheue Menge stürzt die bleicheFrau und Mutter an des Vaters Leiche.Horch, die Glocke! wie sie langsam schreiten,Schweren Schrittes, stumm den Freund geleiten!Die mit ihm die Tanne umgeschlagen,Ihrer viere seine Bahre tragen;Nieder setzen ihn am Grab, die drobenIhn vom Ort des Todes aufgehoben.Und aus grünen Nadeln dunkle KränzeSäumen seiner Grube enge Grenze.Rauhe Männerstimmen tönen Lieder –Dann zum Dörflein wenden sie sich wieder:Nachmittags, den Nachbarbaum zu fällen,Auf zum Berge steigen die Gesellen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 57-58, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Tanne“, Fassung 3.577.963 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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