Das spulende Kind
Paul Haller · 1882–1920
30 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1922
Hundert Kinder, schulentsprungen,Ziehn die Sonntagskleidlein an.Lustig in den bunten Röcken,Und mit spitzen Wanderstöcken,Aus dem Städtlein geht’s bergan.
Vor der Tür beim letzten HäuschenSteht der ärmsten Mutter Kind:Augen, tränenschwer beladen,Schickt es nach den Kameraden,Die im Wald verschwunden sind.
Kehrt zur düstern Hinterkammer,Wo am Rad die Mutter schilt:„Spulen hilf mir, statt zu gaffen!“Still beginnt das Kind zu schaffen,Und die Spule dreht sich wild.
Doch die kleine Seele wandert,Nimmt den Lauf zum Berg empor,Sucht die Spur der KameradenKlettert auf den steilen PfadenUnd durch’s schwarze Felsentor.
An den lichten BlumenhängenFreudig holt sie ein den Zug,Singt und spielt im Kinderreigen,Bricht das Blust von jungen Zweigen,Hascht den Schmetterling im Flug.
Hundert Kinder, schulentsprungen,Schwärmen mit dem Frühlingswind.Glauben nicht, daß eines fehle,Denn mit ihnen spielt die Seele,Und zu Hause spult das Kind.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 55–56, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das spulende Kind“, Fassung 2.572.898 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
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