Die Verzagten
Paul Haller · 1882–1920
42 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1922
Sah in düstern WaldbereichenMeiner Heimat Nebel schleichen,Und das Herz war tot und kalt.Fühlte mich so ganz verlassen,Ging durch öde TannengassenWie ein Pilger müd und alt.
Wo die Nebel stürmisch flogen,Kam’s wie Menschen hergezogen,Schleppgewandig, lang und grau.Gingen, tief gesenkt die Köpfe,Armer lebensmüder TröpfeEine bittre Elendsschau.
Sprach der eine, den ich fragte:Wir sind an uns selbst Verzagte;Was wir suchen, weiß ich nicht.Suchen, was wir nie besessen;Heut das Morgen zu vergessen,Hängen wir das Angesicht.
Wimmernd kam’s aus langen ReihenWie ein Schluchzen, wie ein Schreien:Was wir suchen, weiß ich nicht.Suchen, was wir nie besessen;Heut, das Morgen zu vergessen,Hängen wir das Angesicht.
Seltsam wie ein Niegehörtes,Traulich wie ein LängstbegehrtesRührte mich der Klageton.Grauer zogen sie und trüberZahl- und namenlos vorüber,Grüßten mich als Freunde schon.
Als aus fernen NebeltiefenDumpfgeheime Stimmen riefen,Hob sich rascher Fuß und Bein.Wild begann mein Herz zu schlagen,Und ich trat mit scheuem WagenIn den Jammerzug hinein.
Da, ein brüderlich UmschlingenUnd ein traurig JubelsingenUm den heimgefundnen Sohn.Hob dann selbst die müde Stimme,Sang wie sie in weichem GrimmeDen geliebten Klageton.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 65-66, H. R. Sauerländer & Co., Aarau, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Verzagten“, Fassung 3.579.564 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Paul Haller starb 1920; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1990 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 119041952 der Deutschen Nationalbibliothek.
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