Mihi est propositum...
Otto Ernst · 1862–1926
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Deckt mir überreich den TischFür die lieben Gäste;Aber aus dem Keller holtMir das Allerbeste!Daß sie lächelnd sich gestehn,Wenn sie heimwärts schweben:Edlen Wein hat er geschenktUnd ihn gern gegeben.
Wonnig lacht mir deutscher Wein,Wonniger das Leuchten,Wenn der Zecher Augen sichIn Entzückung feuchten.Ist ihr stammelnd Zeugnis dochFeinste Frucht der Reben:Edlen Wein hat er geschenktUnd ihn gern gegeben.
Unser Dichten, unser TunRichten Pharisäer.Rückt indessen um den TischNäher nur und näher.Will nun mit erhöhter KraftNach dem Ruhme streben:Edlen Wein hat er geschenktUnd ihn gern gegeben,
Mag euch nun der Misanthrop„Tafelfreunde“ schelten,O, ich weiß: ihr werdet einst,Was ich gab, vergelten!Klagend wird's an meiner GruftEuer Herz durchbeben:Edlen Wein hat er geschenktUnd ihn gern gegeben.
Und in meiner sichern Truh'Werd' ich leise lachen,Weil Freund Hein es nicht geglückt,Ganz mich tot zu machen.Wird ein Tropfen meines BlutsDoch im Sprüchlein leben:Edlen Wein hat er geschenktUnd ihn gern gegeben!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 107-108, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mihi est propositum...“, Fassung 1.623.369 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.