Müde
Otto Ernst · 1862–1926
32 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Ich zog auf fernen WanderungenAn manchem stillen Ort vorbei,Wo mich’s mit Allgewalt durchdrungen,Wie selig dort die Ruhe sei.
Mit hohen Wipfeln sah ich ragenDen Föhrenwald am Felsenhang;Wie leiser Gruß aus fernen TagenDer Wind durch seine Kronen klang.
Ein Wasser ging in seinem Grunde –Es weilte still mein Bild darin –Von Stein zu Stein, von Stund’ zu StundeMit ewig gleichem Sang dahin.
Und rings zersprengte FelsenmauernIn altbemooster Einsamkeit –Auf einem Felsblock sah ich kauernErgraut und stumm die tote Zeit.
Ich zog auf fernen WanderungenAn manchem stillen Ort vorbei,Wo mir die Sehnsucht vorgesungen,Wie selig dort die Ruhe sei.
O wie bescheiden wir uns stilleMit jedem jungen Traum zuletzt!Mich hat des Schicksals harter WilleDurch Angst und Not und Qual gehetzt.
Nach aller Sorgen Gift und Kummer,Nach dieses Lebens Schein und Trug –Zur letzten Rast, zum langen SchlummerIst jeder Winkel gut genug.
Auf lautem Markt, im TagesscheineGeht mir’s verlangend durch den Sinn:Ich legte mich auf diese Steine,Wie gern! zur letzten Ruhe hin.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 39–40, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Müde“, Fassung 2.185.508 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.