Großer Prolog
Otto Ernst · 1862–1926
157 Zeilen in 27 Strophen · zuerst gedruckt 1907
zum Stiftungsfest der ehrenwerten Gastwirtevon Hümpeldorf*).
Nacht war’s, und in meines Weibchens KammerSchlich ich mich auf ungewissen Schuh’n.Alsobald erschloß sich auch ihr Mündchen:„Ach, du brauchst so leise nicht zu tun.Stund’ um Stunde lieg’ ich bangend wach,Träume mir Gefahr und Ungemach,Träume Mord und Tod und kann nicht ruhn.“
Aber weiter ließ ich sie nicht kommen;Denn schon hielt ich schmeichelnd ihre Hand;Auf die Fensterschwelle nah dem BettchenSchwang ich mich so mutig wie gewandt.Breit durchs Fenster lächelte der Mond,Der, so frommer Klarheit ungewohnt,Staunend still in ihrem Auge stand.
„Aber rätst du denn, wen ich getroffen?“Rief ich sicheren Triumphes voll.„Ahnst du wohl, mit wem ich mich – berauschteUnaussprechlich süß und wirbeltoll?Du – denselben, der uns einst vereint,Als du laut gelacht und still geweintUnterm Flieder, der von Trauben schwoll.
Ja, den Frühling! Denk’ dir, dieser Bengel!Komm’ ich da bei Bock & Schlump hinein,Sitzt der Strolch mit hocherhob’nem Glase,Schielt mich an durch einen blanken Wein.In der Ecke, weißt du, saß der Freund,Wo das Steinöl Wand und Decke bräuntUnd beglüht mit bilderreichem Schein.“
„Hahahaaa!“
„Halt – dieses Lachen küss’ ich!“„Also im verqualmten Winkel find’tMein Gemahl den Frühling! Ach wie niedlich!Suchst du ihn nicht auch im Kleiderspind?“„O gewiß, in Schachteln auch und Truh’nUnd in Heringstonnen. Siehst du, nunSprichst du, was du verstehst, mein Kind.
Sieh, mein Lieb: Entweder ist es FrühlingOder nicht! – Erscheint dir klar der Fall?Gut denn. Ist es aber einmal Frühling,Nun, so ist er wahrlich überall!In der Rose und im Rübensaft,In den Sternen und im Stiefelschaft –Wie in deines Lachens Glockenschall.
Alles drängt und zwängt er auseinander;Alles kracht und springt von seiner Kraft;Schlösser, Ketten, Riegel oder BänderHalten kein Verlangen mehr in Haft.Sieh die Ampel – wie sie schwillt und blüht,Eine Rose, sich entfaltend, glühtIn erstickter süßer Leidenschaft...!
Gut denn, ich erzähle. Ach, was ist erFür ein lieber Schlingel immer noch!Nicht im mind’sten hat er sich verändert,Seit so lieblich uns der Flieder roch.Auf dem Bänkchen rückt’ er gastlich zu,Zog an seine Seite mich im Nu –Mußt’ ich höflich mich bequemen doch.
Wie dir wohlbekannt, bin ich energisch;Aber konnt’ ich anders? Rede du!Frühling ist ja nur ein selig Müssen!Und in solchem Falle noch dazu!Fest umschlungen hielten wir uns bald;Zwischen Frankreich und dem BöhmerwaldSchritten wir fürbaß auf leichtem Schuh.
Herr mein Gott, was kann der Kerl vertragen!Na! – ich steh’ doch auch sonst meinen Mann.Und Geschichten weiß er vorzutragen –Daß man’s gar nicht wiedergeben kann.Und ein Lied! – Ach hör’! Das sing ich dir –Arm in Arm am Fenster standen wirUnd zum Himmel gröhlten wir’s hinan:
„Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot,Lammer-Lammerstroot,Kann mok’n, wat hee will.Kann mok’n, wat hee will.Swig man jümmers jümmers still,Swig man jümmers jümmers still,Swig man jümmers – jümmers – still. –Un doo meuk hee sick en Geigeken,Geigeken perdootz.„Violin, Violin“ seggt dat Geigeken,„Violin, Violin“ seggt dat Geigeken,Un „Vio Violin“, un „Vio Violin“,Un sin Deern, de heet Katrin!Un sin Deern, de heet Katrin,Un sin Deern, de heet KatrinUn sin Deern, de – heet – Ka – trin.“
Köstlich, was? Und also stand der Stromer,Mit gespreizten Beinen stand er da,Gröhlt’ mit feuchten, nektarsüßen LippenHimmelan die tollsten Carmina.Himmelan, ja. Durch den FensterraumSchwankte hell ein Zweig vom Sternenbaum,Der auf Türm’ und Dächer niedersah.
Nur ein Stück erblickten wir: Vom Drachen –Unterm Drachen ward mir’s heimisch ganz –Bis zum gold’nen Haar der Berenike –Aber deines ist von höh’rem Glanz.Einsam schritt ich an der Himmelsflut,Suchte mir der reinsten Sterne GlutUnd umflocht sie meiner Stirn als Kranz.
Ach, gesellt den sehnsuchtweiten Sternen,Trieb mich’s lang’ dahin mit stiller Macht.Ja, zur Fahrt in unerschloss’ne HellenHeb’ ich mich noch einst aus dieser Nacht.Hör’ ich nicht, wie Sporn und Flügel klirrt?Lieg’ ich tief im Schoß der Erde, wirdIn den Sternen stehn, was ich vollbracht –
„Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot...“
Zweite Stimme sang ich, mußt du wissen;Mich ergiff der Zauber meines Sangs.Bei der „Violine“ immer wiederDacht’ ich deiner schwermutvollen Drangs.Im Gelärm des Lebens bist du mein,Du auch bist ein zartes Geigelein,Unerschöpflich reichen, weichen Klangs –
„Violin, Violin“, seggt dat Geigeken...“
Ja, ich fahre fort. Nach sieben FlaschenTranken wir – ich glaub’: zum drittenmal –Während Frühling wie ein Schweinchen rülpste,„Du und du“ mit läutendem Pokal.Einmal, ach, entfiel mir aller Mut –Aber darnach ward mir wieder gut;Wieder sprang mir auf der Sternensaal.
„Un dorbi wohnt hee noch jümmers...“
Aber stehn in duft’ger Flut der StundenBlieb im Ohre mir ein Donnerwort,Das aus klarster Höhe hergeklungen:Aus der Lämmerstraße zieh’ ich fort!Mit der Faust zerschmissen und zerkrachtHab’ ich heut, was mich zum Knecht gemacht.Noch ist keine Sehne mir verdorrt.
Allzuvielen frechen StaatsphilisternUnterwarf ich mich in halbem Scherz;Manchem Pinsel trug ich fromm die Schleppe;Denn mir ward ein täppisch-dummes Herz.Auch das Nörglerpack, perfid und faul,Schlag’ ich nächstens unversehns aufs MaulSchlank und gut mit einem Werk von Erz.
„Kann mokn, wat ick will.“
Auf dem Heimweg durch das Dunkel, Liebchen,Eine Garbe gold’nen Feuers stiegWirbelsausend mir empor im Kopfe,Und das Klopfen meines Herzens schwieg.Weit aus Fernen her die Stimme flog,Jene Stimme, die mich nie betrog:Kampf und wildes Leid – und Sieg und Sieg!
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Holde, warme Regenflut von Küssen...„Liebchen, brach der Sommer schon herein?Solch ein Opfer innersten Entflammens,Göttern kann es nicht bereitet sein.“ –Als im Osten gelb der Morgen stand,Riß ans Herz sie betend meine Hand,Und versöhnt mit Bacchos schlief sie ein. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 109–115, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Großer Prolog“, Fassung 2.319.315 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.