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Versbuch

Leise Stimmen

Otto Ernst · 18621926

32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Den Kopf auf deinem Schoß – o Blumenlager!O Pfühl, aus dem geheime Träume blühn!Dein Auge glänzt, ein sehnsuchtdunkler Frager,Wie reife Trauben aus dem Schatten glühn.Nun sinkt die Wimper – wie der weiche FlügelDes Abendfalters, der durch Dämm’rung zieht.Der wilde Tag flog über Tal und Hügel,Und deine Lippe summt ein träumend Lied …

Drückt nicht ein bleiches Antlitz sich ans Fenster?Erinn’rung ist’s, der stille Abendgast.Er schlüpft herein nach Weise der GespensterUnd schmiegt ins Polster sich zu langer Rast.Was mahnt er mich an düst’re Jugendtage,Da mich die Hoffnung an den Spott verriet?Ins große Meer vesunken ist die Klage –Im Ofen raunt der Wind ein fernes Lied …

Und Tage kamen, Jahre, da mein RingenIn stummer, bitt’rer Qual vergebens war.Nicht glücken wollt’ es mir, sie zu bezwingen,Die dichtverschlung’ne Obskurantenschar.Die Staatsperücken ließen mich nicht gelten,Weil ich den Puder und die Schminke mied;Vom hohen Thron herab erklang ihr Schelten –Die Grille geigt ein leises Schelmenlied …

Ich kam hindurch! Von Morgenkraft durchschauert,Trag’ ich ein fröhlich blinkend Waffenkleid;Doch überall in Busch und Hecken lauertMit giftigem Geschoß der Schuft, der Neid.Die Schurken, daß sie Gott zur Qual verdamme …!Wie straff empor der Strom der Lampe zieht!Nach oben, nur nach oben strebt die FlammeUnd trägt empor ein leises, feines Lied …

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Siebzig Gedichte S. 42–43, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Leise Stimmen“, Fassung 1.623.322 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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