Jäher Zweifel
Otto Ernst · 1862–1926
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Wo sich Weidenlaub zum Dache bogUnd durch Nacht ein stilles Wasser zog,Trieb ich lange schon den müden Kahn,Meiner Sorge schweigend untertan.
Meine Ruder taucht’ ich in die Nacht –Ob mir nie ein freundlich Ufer lacht?Plötzlich Laub und Dunkel aufgetan,Und ich schwamm auf lichtbeglänzter Bahn:
Aus des Ufers dunklem WiesengrundPrallte blendend weiß ein Säulenrund;Laut davor in weh’ndem FackelglanzSchwang bekränzte Jugend sich im Tanz.
Lachen schallte, und die Zither klang;Über Blumen wiegte sich Gesang –Dank und Jubel mir im Herzen quoll;An die Ruder griff ich freudevoll – –
Da – bevor ich noch den Kahn gewandt,Hielt ein andres Bild mich festgebannt:Spiel und Tanz auch drunten in der Flut,Marmorblinken auch und Rosenglut.
Aber drunten in geheimen GlanzLautlos alles – stumm – ein Schattentanz.Nah dem Glück, das mich empfangen will,Steht mein Herz in bangem Zweifel still.
Welches ist das Ziel, das mir ersehn,Und wo wird sich’s seliger ergehn:Droben, wo die helle Zither klingt?Drunten, wo sich stumm der Reigen schlingt?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 57–58, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Jäher Zweifel“, Fassung 2.308.448 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.