Heiliger Morgen
Otto Ernst · 1862–1926
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Von den Tannen träufelt Märchenduft;Leise Weihnachtsglocken sind erklungen -Blinkend fährt mein Hammer durch die Luft;Denn ein Spielzeug zimmr' ich meinem Jungen.
Graue Wolken kämpfen fernen Kampf;Blau darüber strahlt ein harter Himmel.Durch die Nüstern stößt den weißen DampfVor der Tür des Nachbars breiter Schimmel.
Kommt Herr Doktor Schlapprian daher,Zigaretten- und Absinthvertilger!Voll erhab'nen Hohnes lächelt er,Hirn- und lendenlahmer Abwärtspilger.
Spöttisch grüßend schlendert er dahinUnd - verachtet mich, den blöden Gimpel,Der gefügig spannt den dumpfen SinnIn die Enge, ein „Familiensimpel“. -
Rote Sonne überm Schneegefild:Und das weite Feld ein Sterngewimmel!Und ins Auge spann ich euer Bild,Wundererde - unerforschter Himmel.
Und den frischen, kalten, klaren TagSaug' ich ein mit gierig starken Lungen -Pfeifend trifft mein Hammer Schlag um Schlag,Und ein Spielzeug zimmr' ich meinem Jungen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 101, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Heiliger Morgen“, Fassung 1.623.365 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.