Einem Sommer
Otto Ernst · 1862–1926
44 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Sommer, eh’ du nun entwandelstÜber sonnenrote Höhn,Soll dir meine Seele sagen,Wie du mir vor allen schön!
Wähne nicht, daß meinem HerzenSommer so wie Sommer sei;Seltsam wie der Wolken WandelZiehn die Zeiten ihm vorbei.
Und wie du hervorgetretenAus der Zukunft ernstem Tor,Atmete aus dumpfen Qualen,Atmete dies Herz empor ...
Dankbar will ich das nun singen:Wie die Wiese lag im GlanzUnd du gingst am Rand im Schatten,Und dein Gehn war Klang und Tanz –
Wie auf Wolken du gefahren,Deren Weg dein Hauch gebeut,Wie du in den hohen HimmelWeiße Rosen hingestreut –
Wie du aus des Nußbaums WipfelDurchs Gezweige sahst herab –Wie du rote Blüte gossestÜber ein versunknes Grab –
Wie im Wald am schwarzen StammeStumm du standest, schwertbereit,Als ein sonnenblanker RitterAus verklung’ner Heldenzeit -
Wie du alle Glocken schwangestZum beglühten Turm des Doms –Wie du rötlich hingewandeltAuf der Wellenflur des Stroms,
Oder wie du braun von WangenWestlich schrittest durch das FeldUnd mit einer Amsel TönenLeis’ erweckt die Sternenwelt ...
Hoher, ehe du entwandelstIn den Saal „Vergangenheit“,Nimm mit dir wie Hauch der FelderDiesen Hauch der Dankbarkeit!
Wo gestorb’ne Sommer wandelnHinter nachtumraunten Höhn,Wo nur Schatten dich umschweigen,Soll er singend mit dir gehn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 4–5, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einem Sommer“, Fassung 3.728.282 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.