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Versbuch

Goethe und Tasso

Otto Ernst · 18621926

89 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1907

So wird sich wieder denn der Vorhang hebenVor Belriguardos lorbeerstillen Gärten,Wo zarte Frau’n Gedankenkränze windenUnd alle Schönheit ahndevoll umfangen,Ein edler Fürst die Kunst beschützt, weil erNicht Regeln ihr, nein, Recht und Freiheit gibt,Nicht Ketten, sondern Flügel ihr verleiht,Und wo in Sonnenglanz und MyrtendüftenTorquato Tassos traurige GeschichteSich zuträgt, der mit traumgeschwellten SegelnGescheitert einst am starren Fels des Lebens –Um ihn in höchster Not doch zu umklammern.

Des unglücksel’gen Sängers Schicksal hatEin glücklicherer Genius uns gesungen.Und war er glücklicher? Nahm ihm das SchicksalNicht nur die äuß’re Bürde von den Schultern,Daß tiefer er den inn’ren Schmerz empfinde?O glaubt: er hat das eigne Leid gesungenIn Tassos Schmerzen! Ach, in süßen WortenHat laue Kälte ihn, wie oft, gekränkt,Gefrorner Neid mit scharfen EisesnadelnSein Herz verletzt wie oft! Doch Qual vor allemIst gottgeborner Seelen tiefster Drang:Der Dichtung Traum dem Leben zu versöhnen!

Ach, all ihr Leben ist ein schmerzlich Fragen:Warum ward unter Seligen ich geboren,Wenn unter Menschen ich mein Leben langdie Heimat suchen soll? –

Allein er suchteUnd suchte mit dem treusten MenschenherzenGeruhige Wohnstatt unter seinen Brüdern.Denn Mensch war er, und unter Menschen wollt’ erIn Liebe wohnen. Und im Angesichte,Im ungeheuren RätselangesichteDes Lebens forscht’ er Tag für Tag und StundeFür Stunde. Und war seelentief beglückt,Wenn aus des Lebens dunklem Auge ihnEin heimlich, heilig Wissen überdrang.Da weckte solch ein Licht in seinem BusenDas große Feuer seines Herzens auf,Und seine Kunst, in goldnen Flammen sang sieEin selig Wissen uns vom harten Leben.Ja, glücklich war er! Seine Stirn berührteDas Heldenglück des Lebensüberwinders –Das Glück, das einst Ferraras armer SängerMit irrem Flügelschlag umsonst gesucht.

Und wir, vereint in seinem großen Namen,O suchten wir ein gleiches Glück und fänden’s!Noch fliehen irrend Leben sich und Lied.Des Lebens Helle suchte einst die KunstUnd zagte feigen Blicks vor seinen Nächten –In seines Dunkels Schrecken drang sie vorUnd haßte lichtvergess'nen Aug’s die Sonne –Vergessen und verloren hatte sieDas Werk des großen Schöpfers aller Dinge,Das Lied des Weltendichters: Tag und Nacht.Und da sie’s endlich wiederfindet, jubelndDie Arme breitet nach des Lebens Fülle –Verwehrt sich ihr das Leben streng und kalt.Nicht will’s mit ihr des Lorbeers Schatten teilen,Den trauten Namen „Freundin“ ihr nicht gönnen,Wehrt ihr den Thron, den ihr Natur errichtetZur Seite des Gedankens und der Sitte,Und spricht voll Hochmut dröhnende Gesetze:„Du sollst!“ und „Du sollst nicht! Weil mir’s beliebt!“Ach, nicht von edler Frauen roter Lippe,Nein, von des Eif’rers zorngesträubtem Munde,Von Pharisäer- und PedantenlippenGellt nun der Ruf: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“

Versöhnung unser Werk! Es kam der Frühling;Goldregen hängt herab aus leichten Lüften,Und aus der Tiefe steigt die Lilie auf,Demselben Schoße beide sie entsprungen.O, daß dereinst in einem neuen FrühlingEntgegenwüchsen Leben sich und Lied,In Mutterarmen der Natur versöhnt!Wohl käme dann ach Tassos „goldne Zeit“!Um Zeitenstrom hinwandelten sie beide,Die Kunst, das Leben, Aug’ in Aug’ versunkenIm starken Frieden spät erkannter Liebe.Nicht mehr begehrte eines, was das andreNicht willig aus verwandtem Trieb gewährt.So führend wie geführt frohlockten beideDem lichtumkränzten Ziel der Ströme zu,Und im Geriesel warmer SonnenflutenUnd im verborgnen Silberklang der Quellen,Im rauschenden Gesang aus Busch und BäumenBewegte das Erlösungswort die Welt,Das selige Wort: „Erlaubt ist, was gefällt!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Siebzig Gedichte S. 17–20, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Goethe und Tasso“, Fassung 1.623.314 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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