Fernes Licht
Otto Ernst · 1862–1926
24 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Winkt ein stilles Licht aus weiter FerneNächtlich her in meiner Stube Schatten,Wenn des Tages flackernde BewegungSich gestillt zu schweigendem Ermatten.
Ruhe winkt das Licht aus weiter Ferne.Unser Leben, Tag um Tag genommen,Ist ein töricht Fliehen vor der RuheUnd ein reuevolles Wiederkommen.
Jeden Abend aus der Qual des StrebensSteig ich auf in diesen heil’gen Frieden.Vor mir, hinter mir ein dunkles Schweigen,Ich – wie von der Erde längst geschieden.
Hier nur fühl’ ich Brust und Arme wiederFroh verlangend sich ins Weite dehnen,Und zurück ins Herz mit starken FlutenKommt der Jugend heißes, reines Sehnen.
Niemand weiß es, wie ich hier gesunde,Wenn durch schwarze, undurchdrung’ne WeitenSicher auf den feinen, weißen StrahlenUnbeirrte, süße Träume gleiten.
Was ich dann, am Kreuz des Lebens hangend,Schlimmes leide und noch Schlimm’res lerne –Nächtlich her in meiner Seele SchattenWinkt ein stilles Licht aus dunkler Ferne. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 62, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Fernes Licht“, Fassung 1.623.334 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.