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Versbuch

Chidhr

Otto Ernst · 18621926

105 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1907

(Als Epilog.)

Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.Ich saß an eines Berges Hang und schaute,In einer flüchtigen Minute RaumGedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten.Im Tal zu meinen Füßen sah ich BlumenAuf Blumen sich erschließen und vergehn,Sah Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossenUnd wachsen, blühen, welken und vermodern,Und sah ich Menschen von der Wiege bisZum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.Ich sah sie lachen, weinen – weinen, lachen,Sah sie verzweifeln, hoffen und – verzweifeln,Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte,Wie Unglück seine Rechte reicht dem GlückIn ewiger Kette.

Namenlose TrauerSank mir mit schweren Schatten in die Seele.„Wann endlich,“ dacht’ ich, „sinnlos-blödes Spiel,Wirst du dich enden? Auf und ab und aufWiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel– Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,Und auf der andern grinsend wippt der Tod –Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die WippeDurch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,Den dieses grause Einerlei vergnügt?Der ärmste Menschengeist, er hätte längstVoll Überdruß und Ekel dieses SpielzeugZertrümmert –!“

Wie ich also bei mir dachte,Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten –Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ichMit himmelsheit’rer Stirn, wie junge RosenDer frohe Mund, das Auge sonnentief.Er hob den Arm und winkte freundlich „Komm!“„Wer bist du?“ rief ich. Er drauf: „Chidhr bin ich,Der Grüne, Ewig-junge, der im LandeDer Finsternis des Lebens Quellen hütet.Komm, folge mir.“

Und Falterflug des TraumesEntführte mich auf lautlos dunklen SchwingenIn eine schreckendüst’re Felsenwelt. –Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner BergeSprang bläulich-silbern einer Quelle Strahl,Der wie ein ewig junges Lachen klang.Und Chidhr sprach: „In hundert Jahren furchtDer ruhlos rege Quell sein hartes BetteUm eines Fingers Breite. Alexander,Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,Stand einst wie du an diesem Lebensquell.Seit jenem Tage grub der SilberstrangUm einen Fuß sich tiefer ins Gestein.Und einst wird diese Quelle im VereinMit ihren Schwestern diese Felsen wandelnIn ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen.Hier maß der göttergleiche AlexanderSein Werk und seinen Ruhm am Maß der WeltUnd ging von diesem Ort zerstörten Herzens.Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen gehn.

Wohl ihm, dem Freunde sprüht aus dieser Quelle,Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den PfadIhm durch ein enges Leben schwach erhellten,Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.Doch hinter weltenweiten FinsternissenGeht eine Sonn’ ihm auf, die alle SonnenUnd Sonnenchöre selig überstrahlt.Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß,Wie unbegreiflich schön, wie über allesVerdienst und Ahnen göttlich sein Beruf,Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein HerzZwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht.Geduld, die heiß und teif verlangt, und Sehnsucht,Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.

O Menschen, habt Geduld, und tut es nichtDen Kindlein gleich, die in den Boden kaumDen Samen senkten und nach Blumen schonUnd reifen Früchten spähn! Taucht die GedankenIns märchengraue Alter dieser WeltUnd steigt empor dann und erkennt, daß gesternDer Mörder Kain seinen Bruder schlug.Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese WeltEin Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel.Doch sieh, soweit in diesem Reich des LebensDie Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,Noch nie ein Strom den Weg zurück genommen –So glaube: auch der Srom des Lebens nicht.„Vorwärts, zum Licht!“ das ist der Sinn der Quellen,„Vorwärts, zum Licht!“ das ist der Ströme Sinn,Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.Er, der die Welt gewollt, und dessen NamenKein endlich Wesen nennen darf noch kann,Er gab, daß eures Wesens tiefste QuellenZum Lichte gehn – und gab euch, daß ihr’s wißt.“

So sprach der Ewig-junge. Oder sprach’sDer Quell? Im Silberklange rann zusammen,Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.Und Falterflug des Traumes hob mich lautlosVon dannen, und vom Tageslicht geblendet,Erwacht’ ich jäh.

Am Waldesrand erwacht’ ich,Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Siebzig Gedichte S. 132–135, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Chidhr“, Fassung 4.214.939 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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