Die schlafenden Tage
Otto Ernst · 1862–1926
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Kennst du die schlafenden Tage?
Da kommt die leuchtende Sonne nicht,Verloren hat sie ihr Flammenlicht;Ein träger Schimmer fließt herab;Die Welt ist umschattet wie ein Grab.Über der Dächer, der Türme BauSchleicht ein ewiges Wolkengrau.Du bist allein – und die Welt des LichtsIst versunken ins schweigende Nichts. –
Wohl kenn’ ich die schlafenden Tage!
Da ruht das Herz, und mit leisem SchlagFolgt es dem still verrinnenden Tag;Nur in den Adern rollt das Blut,Verborgen rinnt die Lebensflut.Die Stille, die das All durchfließt,Allmächtig sich ins Herz ergießt –Kein Glück, kein Schmerz durchglüht die Brust,Vergessen ist alles: Leid und Lust –
Ich liebe die schlafenden Tage.
Die schlummeratmende Seele schafftFür den kommenden Kampf die siegende Kraft,Die Kraft, die das blühende Glück erträgtUnd die kein Unglück zu Boden schlägt.Hoch von den ziehenden Wolken auchWeht hernieder ein Geisterhauch:„Not ist Freude, Freude Not,Tod ist Leben und Leben ist Tod.“
Kennst du die schlafenden Tage?
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 54–55, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die schlafenden Tage“, Fassung 3.567.921 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.