Das Gesicht der Wahrheit
Otto Ernst · 1862–1926
116 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1907
„Wenn Menschen schweigen,werden die Steine schreien.“Seit wenig Tagen geh’ ich fromm und frohDurchs Treiben dieser Welt; denn eine MärKam mir von irgendwo und irgendwann,Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. –
Gefangen hatten ihn die Häscher nun,Den Herben, Wilden, Stolzen, dem der SpottWie ätzend Gift vom Munde floß – doch war’sEin heilsam Gift – dem die Begeisterung,Wie Donnerflammen aus dem Krater, prasselndVon heißer Lippe sprang. Doch ging er leichtUnd stolz in seinen Fesseln; denn ihn trugGeheime göttliche Allgegenwart.Allgegenwärtig fühlt’ er seinen Gott,Wo er auch ging und stand, den neuen Gott!Und so vermaß er sich verwegner Hoffnung:Auch seine Richter müsse ja berührenDie Nähe dieses Gottes und die KraftUnd Reinheit seines Atems.Denn er warEin Mann an Stolz und Trotz, ein Kind an Hoffnung.
Die Richter aber thronten rings auf StühlenVon Eisen, und die Stühle hießen OrdnungUnd Religion und Sitte und Gewohnheit.In diesen Stühlen ruhten breit und festDie Fundamente des gemeinen Wohles.Wenn aber vor der Glut der neuen LehreDie wackern Stühle schmolzen, so gerietenDie Fundamente des gemeinen WohlesIn glühende Bedrängnis. Und so bliesenDie Richter denn mit hoheitsvollen BackenDen Hauch der prallen Sonne sich vom LeibeUnd saßen tot auf ihren toten Stühlen.Und sprachen dann: „Er soll am Pranger stehenAuf off’nem Markt, vor allem Volk, nachdem manZuvor die Ohren ihm vom Kopf geschnitten.“Auf den Tribünen hatte rings das VolkGelauscht, und als der Richter Weisheit nunIn jenem Spruch sich froh und stolz befestigt,Zerstreute schwatzend, lachend sich die Menge,In Ehr’ und Zucht des Gaudiums gewärtig,Das ihr der heil’ge Sonntag bringen werde. –
Hoch aus dem surrenden und plapperndenUnd gurgelnden und schnatternden GebrodelDer Menge, die den weiten Markt erfüllte,Stieg schwarz und grausenhaft der Prangerkasten,Der den Verdammten noch dem Blick verbarg,Und schwärzer gähnte drin das Loch, in demDes armen Sünders Kopf erscheinen sollte.
Mit faulen Äpfeln, Eiern und noch manchemIn stiller Emsigkeit gehäuftem UnratHöchst sorgsam ausgerüstet, harrt die Menge,Harrt stundenlang. Denn neben ihrem Zorn,Dem Löwen, ruht das Eselein Geduld.Auf hoher Balustrade leuchten RatUnd Älteste der Stadt, des schönen WettersUnd der im tiefsten Herzen sanft empfund’nenWeltordnung froh –den armen Sünder packteEin wilder Schauder vor dem nahen Greuel.An beide Ohren preßt er bang die Hände –Nah ist hier keiner, der ihn retten möchte.Denn jeder haßt ihn – könnte wohl ihn lieben,Doch haßt ihn. Und ihm ist, als trennt’ ihn dochVon diesen allen nur ein dünner Vorhang –Er klagt sich an, daß er das rechte Wort,Das eine, kurze, klare Wort nicht fand,Das alle, alle überzeugen mußte –Ja, wenn er jetzt – ! Allein nun war’s zu spät.
Und tief im Kopfe hub ein Singen anVon lauen Jugendtagen. Warum blieb erNicht still am warmen Herde seiner Heimat?Und sanft und fest in seiner Mutter SchoßFühlt er sein Haupt gedrückt – und auf der WangeFühlt’ er die rauhe, warme, gute Hand:Mein Junge bist du – mein – mein guter Junge ––Der Henker winkt. –Die Augen fest geschlossen,Des Hagels von Geschossen schon gewärtig,Zwängt er den Kopf durchs enge Loch des Prangers;Im Hirne braust und wirbelt wilde Scham ––
Da stößt ein süßer Schreck ihm tief ins Herz,Und seliges Erschauern rinnt ihm kaltVom Wirbel bis zur Zeh’. Und fühlt sogleich,Daß alle, alle, die dort unten stehen,Derselbe große, stille Strom durchrinnt.
Und schlägt die Augen auf – und sieht das Volk,Das hängt mit einem Blick an seinem AntlitzUnd starrt hinauf und schweigt. Und starrt – und schweigt.
Und sieht um seinen Mund, den Blut benetzt,Ein zuckend Lächeln, sieht die dunklen HaareIn feuchten Strähnen an den Wangen kleben,Und aus den Haaren, an den Wangen niederRinnt Blut, rinnt Blut – so stumm und so geschäftig,Das warme Blut – und hilflos starrt der KopfHervor aus schwarzer Wand, und hilflos irrenDie Blicke hin und her: Wo seid ihr, Hände?Was helft ihr nicht? O wischtet ihr mir nurDas Blut vom Mund! – Und klagend glänzt das Auge.
Und vor dem hilflos armen Kopf erbleichtDer Rat der Stadt, und ganz geheim ins OhrSchreit gellend, jauchzend ihm die Totenstille …
Da schwirrt vom Markt ein Lerchenstimmlein auf,Und sieh, ein Kind, ein Mägdlein, steigt behendeZum Schandgerüst empor und trägt ein KränzleinVon Löwenzahn, den es am Rain gepflückt.Und streckt den Kranz empor und langt und langtUnd kann es nicht erreichen. Und ein GreisFolgt ihm geschäftig, hebt das Kind empor,Und in die nassen, wirren Haare drückt esMit leiser Hand den weichen, goldnen Kranz. ––
Seit wenig Tagen geh ich fromm und frohDurchs Treiben dieser Welt; denn eine MärKam mir von irgendwo und irgendwann,Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. ––
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 30–34, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Gesicht der Wahrheit“, Fassung 2.551.788 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
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