Einsame Wanderungen
Rudolf Lavant · 1844–1915
40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Es hat mich oft hinausgezogen,In Nächten sternenlos und rauh,In der Novembernebel WogenUnd in ihr dichtes, feuchtes Grau;Es kam zu mir wie fernes KlagenDer Glocken Hall, erstickt und dumpf,Und geisterhaft ins Dämmern ragenSah ich am Bach den Weidenstumpf.
Ich schritt durch flockiges Gewimmel,Das weiß und dicht und still und sachtHerniedersank vom grauen HimmelIn lautlos stummer Winternacht.ich sah die duftig-zarten SchleierDes Frostes von den Zweigen wehn,Und weiß bereift, in stiller Feier,Die Bäume wie verzaubert stehn.
Ich bin allein hinausgeschritten,Und weggehaucht war alles Weh,Wenn leise unter meinen SchrittenGeknirscht der frosterstarrte Schnee,Wenn sich in kalter Luft der linde,Der warme Mundeshauch verlor,Wenn mir der Bart im scharfen WindeZu stechendem Gezack gefror.
Ich sah die Sterne dicht und dichterHerauf in buntem Feuer ziehn,Und wenn das Spiel der Himmelslichter,Im Eise glitzernd wiederschien,Wenn wild daher das Sturmgetose,Die weite Fläche fegend, schnob,Daß wirbelnd mir das feine, loseGeweh’ ins Auge eisig stob –
Dann hab’ ich zornig wohl und bitterIm Schreiten vor mich hingelacht,Wenn ich an all’ den Tand und Flitter,Der Andrer einzig Glück, gedacht,Bis mich mit ihrer GeistesleereEin tiefes Mitleid überkam,Und allen Groll mir still die hehre,Tiefernste Pracht vom Herzen nahm.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Einsame Wanderungen“, Fassung 3.491.128 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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