Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
74 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1922
VERSE ZUM GEDÄCHTNISDES SCHAUSPIELERS JOSEF KAINZ
O hätt ich seine Stimme, hier um ihnZu klagen! Seinen königlichen Anstand,Mit meiner Klage dazustehn vor euch!Dann wahrlich wäre diese Stunde großUnd Glanz und Königtum auf mir, und mehrAls Trauer: denn dem Tun der KönigeIst Herrlichkeit und Jubel beigemengt,Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.
O seine Stimme, daß sie unter unsDie Flügel schlüge! – Woher tönte sie?Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprachMit solcher Zunge? Welcher Fürst und DämonSprach da zu uns? Wer sprach von diesen BretternHerab? Wer redete da aus dem LeibDes Jünglings Romeo, wer aus dem LeibDes unglückseligen Richard PlantagenetOder des Tasso? Wer?Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen,Ein niebezauberter Bezauberer,Ein Ungerührter, der uns rührte, einer,Der fern war, da wir meinten, er sei nah,Ein Fremdling über allen Fremdlingen,Einsamer über allen Einsamen,Der Bote aller Boten, namenlosUnd Bote eines namenlosen Herrn.
Er ist an uns vorüber. Seine SeeleWar eine allzu schnelle Seele, undSein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels.Dies Haus hat ihn gehabt – doch hielt es ihn?Wir haben ihn gehabt – er fiel dahin,Wie unsre eigne Jugend uns entfällt,Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.
O Unrast! O Geheimnis, offenkundigesGeheimnis menschlicher Natur! O Wesen,Wer warest du? O Schweifender! O Fremdling!O nächtlicher Gespräche EinsamkeitMit deinen höchst zufälligen Genossen!O starrend tiefe Herzenseinsamkeit!O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf!O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht!Wie du hinliefest, weißes Licht, und ringsIns Dunkel aus den Worten dir PalästeHinbautest, drin für eines Herzschlags FristWir mit dir wohnten – Stimme, die wir nieVergessen werden – o Geschick – o Ende –Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod!
O wie das Leben um ihn rang und niemalsIhn ganz verstricken konnte ins GeheimnisWollüstiger Verwandlung! Wie er blieb!Wie königlich er standhielt! Wie er schmal,Gleich einem Knaben, stand! O kleine HandVoll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern,O vogelhaftes Auge, das verschmähte,Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug,O Aug des Sperbers, der auch vor der SonneDen Blick nicht niederschlägt, o kühnes Aug,Das beiderlei Abgrund gemessen hat,Des Lebens wie des Todes – Aug des Boten!O Bote aller Boten, Geist! Du Geist!Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen,Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!
Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst,Schauspieler ohne Maske du, Vergeistiger,Du bist empor, und wo mein Auge dichNicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich,Dem Unzerstörbaren, und hältst in FängenDen Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft,Weißer als Licht der Sterne: dieses LichtesBote und Träger bist du immerdar,Und als des Schwebend-UnzerstörbarenGedenken wir des Geistes, der du bist.
O Stimme! Seele! aufgeflogene!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 79-81, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz“, Fassung 3.026.788 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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