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Versbuch

Zum Gedächtnis des Schauspielers Mitterwurzer

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

69 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1922

ZUM GEDÄCHTNISDES SCHAUSPIELERS MITTERWURZER

Er losch auf einmal aus so wie ein Licht.Wir trugen alle wie von einem BlitzDen Widerschein als Blässe im Gesicht.

Er fiel: da fielen alle Puppen hin,In deren Adern er sein LebensblutGegossen hatte; lautlos starben sie,Und wo er lag, da lag ein Haufen Leichen,Wüst hingestreckt: das Knie von einem SäuferIn eines Königs Aug gedrückt, Don PhilippMit Caliban als Alp um seinen Hals,Und jeder tot.

Da wußten wir, wer uns gestorben war:Der Zauberer, der große, große Gaukler!Und aus den Häusern traten wir herausUnd fingen an zu reden, wer er war.Wer aber war er, und wer war er nicht?

Er kroch von einer Larve in die andre,Sprang aus des Vaters in des Sohnes LeibUnd tauschte wie Gewänder die Gestalten.

Mit Schwertern, die er kreisen ließ so schnell,Daß niemand ihre Klinge funkeln sah,Hieb er sich selbst in Stücke: Jago warVielleicht das eine, und die andre HälfteGab einen süßen Narren oder Träumer.Sein ganzer Leib war wie der Zauberschleier,In dessen Falten alle Dinge wohnen:Er holte Tiere aus sich selbst hervor:Das Schaf, den Löwen, einen dummen TeufelUnd einen schrecklichen, und den, und jenen,Und dich und mich. Sein ganzer Leib war glühend,Von innerlichem Schicksal durch und durchWie Kohle glühend, und er lebte drinUnd sah auf uns, die wir in Häusern wohnen,Mit jenem undurchdringlich fremden BlickDes Salamanders, der im Feuer wohnt.

Er war ein wilder König. Um die HüftenTrug er wie bunte Muscheln aufgereihtDie Wahrheit und die Lüge von uns allen.In seinen Augen flogen unsre TräumeVorüber, wie von Scharen wilder VögelDas Spiegelbild in einem tiefen Wasser.

Hier trat er her, auf eben diesen Fleck,Wo ich jetzt steh, und wie im TritonshornDer Lärm des Meeres eingefangen ist,So war in ihm die Stimme alles Lebens:Er wurde groß. Er war der ganze Wald,Er war das Land, durch das die Straßen laufen.Mit Augen wie die Kinder saßen wirUnd sahn an ihm hinauf wie an den HängenVon einem großen Berg: in seinem MundWar eine Bucht, drin brandete das Meer.

Denn in ihm war etwas, das viele TürenAufschloß und viele Räume überflog:Gewalt des Lebens, diese war in ihm.Und über ihn bekam der Tod Gewalt!Blies aus die Augen, deren innrer KernBedeckt war mit geheimnisvollen Zeichen,Erwürgte in der Kehle tausend StimmenUnd tötete den Leib, der Glied für GliedBeladen war mit ungebornem Leben.

Hier stand er. Wann kommt einer, der ihm gleicht?Ein Geist, der uns das Labyrinth der Brust,Bevölkert mit verständlichen Gestalten,Erschließt aufs neu zu schauerlicher Lust?Die er uns gab, wir konnten sie nicht haltenUnd starren nun bei seines Namens KlangHinab den Abgrund, der sie uns verschlang.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 74–76, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zum Gedächtnis des Schauspielers Mitterwurzer“, Fassung 3.026.786 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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