Vorfrühling
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1922
Es läuft der FrühlingswindDurch kahle Alleen,Seltsame Dinge sindIn seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt,Wo Weinen war,Und hat sich geschmiegtIn zerrüttetes Haar.
Er schüttelte niederAkazienblütenUnd kühlte die Glieder,Die atmend glühten.
Lippen im LachenHat er berührt,Die weichen und wachenFluren durchspürt.
Er glitt durch die FlöteAls schluchzender Schrei,An dämmernder RöteFlog er vorbei.
Er flog mit SchweigenDurch flüsternde ZimmerUnd löschte im NeigenDer Ampel Schimmer.
Es läuft der FrühlingswindDurch kahle Alleen,Seltsame Dinge sindIn seinem Wehn.
Durch die glattenKahlen AlleenTreibt sein WehnBlasse Schatten.
Und den Duft,Den er gebracht,Von wo er gekommenSeit gestern nacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 7–8, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vorfrühling (Hofmannsthal)“, Fassung 3.026.735 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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