Zerbinetta
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
32 Zeilen · zuerst gedruckt 1922
Noch glaub ich dem einen ganz mich gehörend,Noch mein' ich mir selber so sicher zu sein,Da mischt sich im Herzen leise betörendSchon einer nie gekosteten Freiheit,Schon einer neuen verstohlenen LiebeSchweifendes freches Gefühle sich ein!Noch bin ich wahr, und doch ist es gelogen,Ich halte mich treu und bin schon schlecht,Mit falschen Gewichten wird alles gewogen –Und halb mich wissend und halb im TaumelBetrüg ich ihn endlich und lieb ihn noch recht!Ja, halb mich wissend und halb im TaumelBetrüge ich endlich und liebe noch recht!So war es mit PagliazzoUnd mit Mezzetin!Dann war es Cavicchio,Dann Buratin,Dann Pasquariello!Ach, und zuweilen,Will es mir scheinen,Waren es zwei!Doch niemals Launen,Immer ein Müssen!Immer ein neuesBeklommenes Staunen.Daß ein Herz so gar sich selber,Gar sich selber nicht versteht!Als ein Gott kam jeder gegangen,Und sein Schritt schon machte mich stumm,Küßte er mir Stirn und Wangen,War ich von dem Gott gefangenUnd gewandelt um und um!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 35–36, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Zerbinetta“, Fassung 3.026.763 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.