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Versbuch

Vor Tag

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

38 Zeilen · zuerst gedruckt 1922

Nun liegt und zuckt am fahlen HimmelsrandIn sich zusammgesunken das Gewitter.Nun denkt der Kranke: »Tag! jetzt werd ich schlafen!«Und drückt die heißen Lider zu. Nun strecktDie junge Kuh im Stall die starken NüsternNach kühlem Frühduft. Nun im stummen WaldHebt der Landstreicher ungewaschen sichAus weichem Bett vorjährigen Laubes aufUnd wirft mit frecher Hand den nächsten SteinNach einer Taube, die schlaftrunken fliegt,Und graust sich selber, wie der Stein so dumpfUnd schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser,Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nachIns Dunkel stürzen, unteilnehmend, wildUnd kalten Hauches hin, indessen drobenDer Heiland und die Mutter leise, leiseSich unterreden auf dem Brücklein: leise,Und doch ist ihre kleine Rede ewigUnd unzerstörbar wie die Sterne droben.Er trägt sein Kreuz und sagt nur: »Meine Mutter!«Und sieht sie an, und: »Ach, mein lieber Sohn!«Sagt sie. – Nun hat der Himmel mit der ErdeEin stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann gehtEin Schauer durch den schweren, alten Leib:Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben.Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. NunSchleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett,Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein DiebDurchs Fenster in sein eigenes Zimmer, siehtSich im Wandspiegel und hat plötzlich AngstVor diesem blassen, übernächtigen Fremden,Als hätte dieser selbe heute nachtDen guten Knaben, der er war, ermordetUnd käme jetzt, die Hände sich zu waschenIm Krüglein seines Opfers wie zum Hohn,Und darum sei der Himmel so beklommenUnd alles in der Luft so sonderbar.Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 11–12, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Vor Tag“, Fassung 3.026.753 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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