Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller
Hugo von Hofmannsthal · 1874–1929
59 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1922
AUF DEN TOD DES SCHAUSPIELERSHERMANN MÜLLER
Dies Haus und wir, wir dienen einer Kunst,Die jeden tiefen Schmerz erquicklich machtUnd schmackhaft auch den Tod.
Und er, den wir uns vor die Seele rufen,Er war so stark! Sein Leib war so begabt,Sich zu verwandeln, daß es schien, kein NetzVermöchte ihn zu fangen! Welch ein Wesen!Er machte sich durchsichtig, ließ das WeißeVon seinem Aug die tiefste Heimlichkeit,Die in ihm schlief, verraten, atmeteDie Seele der erdichteten GeschöpfeWie Rauch in sich und trieb sie durch die PorenVon seinem Leib ans Tageslicht zurück.Er schuf sich um und um, da quollen WesenHervor, kaum menschlich, aber so lebendig –Das Aug bejahte sie, ob nie zuvorDergleichen es geschaut: ein einzig Blinzeln,Ein Atemholen zeugte, daß sie warenUnd noch vom Mutterleib der Erde dampften!Und Menschen! Schließt die Augen, denkt zurück!Bald üppige Leiber, drin nur noch im WinkelDes Augs ein letztes Fünkchen Seele glost,Bald Seelen, die um sich, nur sich zum DienstEin durchsichtig Gehäus, den Leib, erbauen:Gemeine Menschen, finstre Menschen, Könige,Menschen zum Lachen, Menschen zum Erschaudern –Er schuf sich um und um: da standen sie.
Doch wenn das Spiel verlosch und sich der VorhangLautlos wie ein geschminktes AugenlidVor die erstorbne Zauberhöhle legteUnd er hinaustrat, da war eine BühneSo vor ihm aufgetan wie ein auf ewigSchlafloses aufgerißnes Aug, daranKein Vorhang je mitleidig niedersinkt:Die fürchterliche Bühne Wirklichkeit.Da fielen der Verwandlung Künste alleVon ihm, und seine arme Seele gingGanz hüllenlos und sah aus Kindesaugen.Da war er in ein unerbittlich SpielVerstrickt, unwissend, wie ihm dies geschah;Ein jeder Schritt ein tiefrer als der frühereUnd unerbittlich jedes stumme Zeichen:Das Angesicht der Nacht war mit im Bund,Der Wind im Bund, der sanfte Frühlingswind,Und alle gegen ihn! Nicht den gemeinen,Den zarten Seelen stellt das dunkle SchicksalFallstricke dieser Art. Dann kam ein Tag,Da hob er sich, und sein gequältes AugeErfüllte sich mit Ahnung und mit Traum,Und festen Griffs, wie einen schweren Mantel,Warf er das Leben ab und achteteNicht mehr, denn Staub an seines Mantels SaumDie nun in nichts zerfallenden Gestalten.
So denkt ihn. Laßt ehrwürdige MusikIhn vor euch rufen, ahnet sein Geschick,Und mich laßt schweigen, denn hier ist die Grenze,Wo Ehrfurcht mir das Wort im Mund zerbricht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Insel Verlag, Leipzig, 1922
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller“, Fassung 3.026.787 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.
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