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Versbuch

Zu einem Buch ähnlicher Art

Hugo von Hofmannsthal · 18741929

38 Zeilen · zuerst gedruckt 1922

Merkt auf, merkt auf! Die Zeit ist sonderbar,Und sonderbare Kinder hat sie: Uns!Wer allzusehr verliebt ist in das Süße,Erträgt uns nicht, denn unsre Art ist herb,Und unsre Unterhaltung wunderlich.»Schlagt eine kleine Bühne auf im Zimmer,Denn die Haustochter will Theater spielen!«Meint ihr, sie wird als kleine Muse kommen,Mit offnem Haar, und in den bloßen ArmenWird eine leichte goldne Leier liegen?Meint ihr als Schäferin, ein weißes LammAm blauen Seidenband und auf den LippenEin Lächeln, süß und billig wie die ReimeIn Schäferspielen? Auf! und geht hinaus!Geht fort, ich bitt euch, wenn ihr das erwartet!Ihr könnt uns nicht ertragen, wir sind anders!Wir haben aus dem Leben, das wir leben,Ein Spiel gemacht, und unsere Wahrheit gleitetMit unserer Komödie durcheinanderWie eines Taschenspielers hohle Becher –Je mehr ihr hinseht, desto mehr betrogen!Wir geben kleine Fetzen unsres SelbstFür Puppenkleider. Wie die wahren Worte –(An denen Lächeln oder Tränen hängenGleich Tau an einem Busch mit rauhen Blättern)Erschrecken müssen, wenn sie sich erkennen,In dieses Spiel verflochten, halb geschminkt,Halb noch sich selber gleich, und so entfremdetDer großen Unschuld, die sie früher hatten!Ward je ein so verworrnes Spiel gespielt?Es stiehlt uns von uns selbst und ist nicht lieblichWie Tanzen oder auf dem Wasser Singen,Und doch ist es das reichste an VerführungVon allen Spielen, die wir Kinder wissen,Wir Kinder dieser sonderbaren Zeit.Was wollt ihr noch? So sind wir nun einmal,Doch wollt ihr wirklich solche Dinge hören,Bleibt immerhin! Wir lassen uns nicht stören.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 72–73, Insel Verlag, Leipzig, 1922
Digitalisat
de.wikisource.org — „Zu einem Buch ähnlicher Art“, Fassung 3.026.792 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Hugo von Hofmannsthal starb 1929; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1999 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118552759 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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