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Versbuch

Unterwelt

Heinrich Heine · 17971856

116 Zeilen in 20 Strophen · zuerst gedruckt 1844

I.Blieb ich doch ein Junggeselle! –Seufzet Pluto tausendmal –Jetzt, im meiner Eh’standsqual,Merk ich, früher ohne WeibWar die Hölle keine Hölle.

Blieb ich doch ein Junggeselle!Seit ich Proserpinen hab’Wünsch ich täglich mich ins Grab!Wenn sie keift, so hör’ ich kaumMeines Cerberus Gebelle.

Stets vergeblich, stets nach FriedenRing’ ich. Hier im SchattenreichKein Verdammter ist mir gleich!Ich beneide SisiphusUnd die edlen Danaiden.

II.Auf goldenem Stuhl, im Reiche der Schatten,Zur Seite des königlichen Gatten,Sitzt ProserpineMit finstrer Miene,Und im Herzen seufzet sie traurig:

Ich lechze nach Rosen, nach SangesergüssenDer Nachtigall, nach Sonnenküssen –Und hier unter bleichenLemuren und LeichenMein junges Leben vertraur’ ich!

Bin festgeschmiedet am Ehejoche,In diesem verwünschten Rattenloche!Und des Nachts die Gespenster,Sie schau’n mir in’s Fenster,Und der Styx, er murmelt so schaurig!

Heut hab’ ich den Charon zu Tische geladen –Glatzköpfig ist er und ohne Waden –Auch die Todtenrichter,Langweil’ge Gesichter –In solcher Gesellschaft versaur’ ich.

III.Während solcherley BeschwerdeIn der Unterwelt sich häuft,Jammert Ceres auf der Erde.Die verrückte Göttin läuft,Ohne Haube, ohne Kragen,Schlotterbusig durch das Land,Deklamirend jene Klage,Die Euch allen wohlbekannt:

„Ist der holde Lenz erschienen?Hat die Erde sich verjüngt?Die besonnten Hügel grünen,Und des Eises Rinde springt.Aus der Ströme blauem SpiegelLacht der unbewölkte Zeus,

Milder wehen Zephyrs Flügel,Augen treibt das junge Reis.In dem Hain erwachen Lieder,Und die Oreade spricht:Deine Blumen kehren wieder,Deine Tochter kehret nicht.

„Ach wie lang ist’s, daß ich walleSuchend durch der Erde Flur!Titan, deine Strahlen alleSandt’ ich nach der theuren Spur!Keiner hat mir noch verkündetVon dem lieben Angesicht,Und der Tag, der Alles findet,Die Verlorne fand er nicht.Hast du, Zeus, sie mir entrissen?Hat, von ihrem Reiz gerührt,Zu des Orkus schwarzen FlüssenPluto sie hinabgeführt?

„Wer wird nach dem düstern StrandeMeines Grames Bote seyn?Ewig stößt der Kahn vom Lande,Doch nur Schatten nimmt er ein.Jedem sel’gen Aug’ verschlossenBleibt das nächtliche Gefild,Und so lang der Styx geflossen,Trug er kein lebendig Bild.Nieder führen tausend Steige,Keiner führt zum Tag zurück;Ihre Thräne bringt kein ZeugeVor der bangen Mutter Blick.“

IV.Meine Schwiegermutter Ceres!Laß’ die Klagen, laß’ die Bitten!Dein Verlangen, ich gewähr’ es –Habe selbst so viel gelitten!

Tröste dich, wir wollen ehrlichDen Besitz der Tochter theilen,Und sechs Monden soll sie jährlichAuf der Oberwelt verweilen.

Hilft dir dort an SommertagenBei den Ackerbaugeschäften;Einen Strohhut wird sie tragen,Wird auch Blumen daran heften.

Schwärmen wird sie wenn den HimmelUeberzieht die Abendröthe,Und am Bach ein BauerlümmelZärtlich bläst die Hirtenflöte.

Wird sich freu’n mit Greth und HänschenBei des Erndtefestes Reigen;Unter Schöpsen, unter Gänschen,Wird sie sich als Löwin zeigen.

Süße Ruh! Ich kann verschnaufenHier im Orkus unterdessen!Punsch mit Lethe will ich saufen,Um die Gattin zu vergessen.

V.„Zuweilen dünkt es mich, als trübeGeheime Sehnsucht deinen Blick –Ich kenn’ es wohl, dein Mißgeschick:Verfehltes Leben, verfehlte Liebe!

„Du nickst so traurig! WiedergebenKann ich dir nicht die Jugendzeit –Unheilbar ist dein Herzeleid:Verfehlte Liebe, verfehltes Leben!“

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Neue Gedichte, Romanzen. 215-224, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, 1844
Digitalisat
de.wikisource.org — „Unterwelt“, Fassung 3.807.449 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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