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Versbuch

Der Ex-Nachtwächter

Heinrich Heine · 17971856

128 Zeilen in 32 Strophen · zuerst gedruckt 1851

Mißgelaunt, sagt man, verließ erStuttgart an dem Neckarstrand,und zu München an der IsarWard er Schauspiel-Intendant.

Das ist eine schöne GegendEbenfalls, es schäumet hier,Geist- und Phantasie-erregend,Holder Bock, das beste Bier.

Doch der arme Intendante,Heißt es, gehet dort herumMelancholisch wie ein Dante,Wie Lord Byron gloomy, stumm.

Ihn ergötzen nicht Comödien,Nicht das schlechteste Gedicht,Selbst die traurigsten TragödienLies’t er – doch er lächelt nicht.

Manche Schöne möcht’ erheiternDieses gramumflorte Herz,Doch die Liebesblicke scheiternAn dem Panzer, der von Erz.

Nannerl mit dem RiegelhäubchenGirrt ihn an so muntern Sinns –Geh’ in’s Kloster, armes Täubchen,Spricht er wie ein Dänenprinz.

Seine Freunde sind vergebensZu erlust’gen ihn bemüht,Singen: Freue dich des Lebens,Weil dir noch dein Lämpchen glüht!

Kann dich nichts zum Frohsinn reizenHier in dieser hübschen Stadt,Die an amüsanten KäuzenWahrlich keinen Mangel hat?

Zwar hat sie in jüngsten TagenEingebüßt so manchen Mann,Manchen trefflichen Choragen,Den man schwer entbehren kann.

Wär’ der Maßmann nur geblieben!Dieser hätte wohl am End’Jeden Trübsinn dir vertriebenDurch sein Burzelbaumtalent.

Schelling, der ist unersetzlich!Ein Verlust vom höchsten Werth!War als Philosoph ergötzlichUnd als Mime hochgeehrt.

Daß der Gründer der WalhallaFortging und zurücke ließSeine Manuscripte alle,Gleichfalls ein Verlust war dies!

Mit Corneljus ging verlorenAuch des Meisters Jüngerschaft;Hat das Haar sich abgeschoren,Und im Haar war ihre Kraft.

Denn der kluge Meister legteEinen Zauber in das Haar,Drin sich sichtbar oft bewegteEtwas, das lebendig war.

Todt ist Görres, die Hyäne.Ob des heiligen OffizUmsturz quoll ihm einst die ThräneAus des Auges rothem Schlitz.

Dieses Raubtier hat ein SühnchenHinterlassen, doch es istNur ein giftiges Kaninchen,Welches Nonnenfürzchen frißt.

Apropos! Der erzinfamePfaffe Dollingerius –Das ist ungefähr sein Name –Lebt er noch am Isarfluß?

Dieser bleibt mir unvergeßlich!Bei dem reinen Sonnenlicht!Niemals schaut’ ich solch ein häßlichArmesünderangesicht.

Wie es heißt, ist er gekommenAuf die Welt gar wundersam,Hat den Afterweg genommen,Zu der Mutter Schreck und Scham.

Sah ihn am Charfreitag wallenIn dem Zug der Prozession,Von den dunkeln Männern allenWohl die dunkelste Person.

Ja, Monacho MonachorumIst in unsrer Zeit der SitzDer Virorum obscurorum,Die verherrlicht Huttens Witz.

Wie du zuckst beim Namen Hutten!Ex-Nachtwächter, wache auf!Hier die Pritsche, dort die Kutten,Und wie ehmals schlage drauf!

Geißle ihre Rücken blutig,Wie einst tat der Ullerich;Dieser schlug so rittermuthig,Jene heulten fürchterlich.

Der Erasmus mußte lachenSo gewaltig ob dem Spaß,Daß ihm platzte in dem RachenSein Geschwür und er genas.

Auf der Ebersburg desgleichenLachte Sickingen wie toll,Und in allen deutschen ReichenDas Gelächter wiederscholl.

Alte lachten wie die Jungen –Eine einz’ge Lache nurWar ganz Wittenberg, sie sungenGaudeamus igitur!

Freilich, klopft man faule Kutten,Fängt man Flöh’ im Ueberfluß,Und es mußte sich der HuttenManchmal kratzen vor Verdruß.

Aber alea est jacta!War des Ritters Schlachtgeschrei,Und er knickte und er knacktePulices und Klerisei.

Ex-Nachtwächter, Stundenrufer,Fühlst du nicht dein Herz erglühn?Rege dich am Isarufer,Schüttle ab den kranken Spleen.

Deine langen Fortschrittsbeine,Heb’ sie auf zu neuem Lauf –Kutten grobe, Kutten feine,Sind es Kutten, schlage drauf!

Jener aber seufzt, und seineHände ringend er versetzt:Meine langen FortschrittsbeineSind Europamüde jetzt.

Meine Hühneraugen jücken,Habe deutsche enge Schuh’,Und wo mich die Schuhe drücken,Weiß ich wohl – laß mich in Ruh’!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Zweites Buch. Lamentationen. Seite 144–150, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Ex-Nachtwächter“, Fassung 3.082.253 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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