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Versbuch

Unvollkommenheit

Heinrich Heine · 17971856

30 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1851

VII.Unvollkommenheit.

Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt.Der Rose ist der Stachel beigesellt;Ich glaube gar, die lieben holden EngelIm Himmel droben sind nicht ohne Mängel.

Der Tulpe fehlt der Duft. Es heißt am Rhein:Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein.Hätte Lucretia sich nicht erstochen,Sie wär’ vielleicht gekommen in die Wochen.

Häßliche Füße hat der stolze Pfau.Uns kann die amüsant geistreichste FrauManchmal langweilen wie die HenriadeVoltair’s, sogar wie Klopstock’s Messiade.

Die bravste, klügste Kuh kein Spanisch weiß,Wie Maßmann kein Latein – Der MarmorsteißDer Venus von Canova ist zu glatte,Wie Maßmanns Nase viel zu ärschig platte.

Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim,Wie Bienenstachel steckt im Honigseim.Am Fuß verwundbar war der Sohn der Thetis,Und Alexander Dumas ist ein Metis.

Der strahlenreinste Stern am Himmelzelt,Wenn er den Schnupfen kriegt, herunterfällt.Der beste Aepfelwein schmeckt nach der Tonne,Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne.

Du bist, verehrte Frau, du selbst sogarNicht fehlerfrei, nicht aller Mängel baar.Du schaust mich an – du fragst mich was dir fehle?Ein Busen, und im Busen eine Seele.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero. Zweites Buch. Lamentationen. Seiten 176-177, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Unvollkommenheit“, Fassung 2.300.406 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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