Verlorene Wünsche
Heinrich Heine · 1797–1856
38 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1851
XI.Verlorene Wünsche.
Von der Gleichheit der GemüthsartWechselseitig angezogenWaren wir einander immerMehr als uns bewußt gewogen.
Beide ehrlich und bescheiden,Konnten wir uns leicht verstehen;Worte waren überflüssig,Brauchten uns nur anzusehen.
O wie sehnlich wünscht’ ich immer,Daß ich bei dir bleiben könnteAls der tapfre WaffenbruderEines dolce far niénte.
Ja, mein liebster Wunsch war immer,Daß ich immer bei dir bliebe!Alles was dir wohlgefiele,Alles thät ich dir zu Liebe.
Würde essen was dir schmeckteUnd die Schüssel gleich entfernen,Die dir nicht behagt. Ich würdeAuch Cigarren rauchen lernen.
Manche polnische Geschichte,Die dein Lachen immer weckte,Wollt’ ich wieder dir erzählenIn Judäas Dialecte.
Ja, ich wollte zu dir kommen,Nicht mehr in der Fremde schwärmen –An dem Herde deines GlückesWollt’ ich meine Kniee wärmen. – –
Goldne Wünsche! Seifenblasen!Sie zerrinnen wie mein Leben –Ach, ich liege jetzt am Boden,Kann mich nimmermehr erheben.
Und Ade! sie sind zerronnen,Goldne Wünsche, süßes Hoffen!Ach, zu tödtlich war der Faustschlag,Der mich just in’s Herz getroffen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero. Zweites Buch: Lamentationen. Seiten 182-183, 1. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Verlorene Wünsche“, Fassung 1.065.749 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.