Schlachtfeld bei Hastings
Heinrich Heine · 1797–1856
124 Zeilen in 31 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Der Abt von Waltham seufzte tief,Als er die Kunde vernommen,Daß König Harold elendiglichBei Hastings umgekommen.
Zwei Mönche, Asgod und Ailrik genannt,Die schickt’ er aus als Boten,Sie sollten suchen die Leiche Harold’sBei Hastings unter den Todten.
Die Mönche gingen traurig fortUnd kehrten traurig zurücke:„Hochwürdiger Vater, die Welt ist uns gram,Wir sind verlassen vom Glücke.
„Gefallen ist der bessre Mann,Es siegte der Bankert, der schlechte,Gewappnete Diebe vertheilen das LandUnd machen den Freiling zum Knechte.
„Der lausigste Lump aus der NormandieWird Lord auf der Insel der Britten;Ich sah einen Schneider aus Bayeux, er kamMit goldnen Sporen geritten.
„Weh’ dem, der jetzt ein Sachse ist!Ihr Sachsenheilige drobenIm Himmelreich, nehmt euch in Acht,Ihr seid der Schmach nicht enthoben.
„Jetzt wissen wir, was bedeutet hatDer große Komet, der heuerBlutroth am nächtlichen Himmel rittAuf einem Besen von Feuer.
„Bei Hastings in Erfüllung gingDes Unsterns böses Zeichen,Wir waren auf dem Schlachtfeld dortUnd suchten unter den Leichen.
„Wir suchten hin, wir suchten her,Bis alle Hoffnung verschwunden –Den Leichnam des todten Königs Harold,Wir haben ihn nicht gefunden.“
Asgod und Ailrik sprachen also;Der Abt rang jammernd die Hände,Versank in tiefe NachdenklichkeitUnd sprach mit Seufzen am Ende:
„Zu Grendelfield am Bardenstein,Just in des Waldes Mitte,Da wohnet Edith SchwanenhalsIn einer dürft’gen Hütte.
„Man hieß sie Edith Schwanenhals,Weil wie der Hals der SchwäneIhr Nacken war; der König Harold,Er liebte die junge Schöne.
„Er hat sie geliebt, geküßt und geherzt,Und endlich verlassen, vergessen.Die Zeit verfließt; wohl sechzehn Jahr’Verflossen unterdessen.
„Begebt euch, Brüder, zu diesem WeibUnd laßt sie mit euch gehenZurück nach Hastings, der Blick des Weib’sWird dort den König erspähen.
„Nach Waltham-Abtei hierher alsdannSollt ihr die Leiche bringen,Damit wir christlich bestatten den LeibUnd für die Seele singen.“
Um Mitternacht gelangten schonDie Boten zur Hütte im Walde:„Erwache, Edith Schwanenhals,Und folge uns alsbalde.
„Der Herzog der Normannen hatDen Sieg davon getragen,Und auf dem Feld bei Hastings liegtDer König Harold erschlagen.
„Komm’ mit nach Hastings, wir suchen dortDen Leichnam unter den Todten,Und bringen ihn nach Waltham-Abtei,Wie uns der Abt geboten.“
Kein Wort sprach Edith Schwanenhals,Sie schürzte sich geschwindeUnd folgte den Mönchen; ihr greisendes Haar,Das flatterte wild im Winde.
Es folgte baarfuß das arme WeibDurch Sümpfe und Baumgestrüppe.Bei Tagesanbruch gewahrten sie schonZu Hastings die kreidige Klippe.
Der Nebel, der das Schlachtfeld bedecktAls wie ein weißes Lailich,Zerfloß allmählig; es flatterten aufDie Dohlen und krächzten abscheulich.
Viel tausend Leichen lagen dortErbärmlich auf blutiger Erde,Nackt ausgeplündert, verstümmelt, zerfleischt,Daneben die Aeser der Pferde.
Es wadete Edith SchwanenhalsIm Blute mit nackten Füßen;Wie Pfeile aus ihrem stieren Aug’Die forschenden Blicke schießen.
Sie suchte hin, sie suchte her,Oft mußte sie mühsam verscheuchenDie fraßbegierige Rabenschaar;Die Mönche hinter ihr keuchen.
Sie suchte schon den ganzen Tag,Es ward schon Abend – plötzlichBricht aus der Brust des armen Weib’sEin geller Schrei, entsetzlich.
Gefunden hat Edith SchwanenhalsDes todten Königs Leiche.Sie sprach kein Wort, sie weinte nicht,Sie küßte das Antlitz, das bleiche.
Sie küßte die Stirne, sie küßte den Mund,Sie hielt ihn fest umschlossen;Sie küßte auf des Königs BrustDie Wunde blutumflossen.
Auf seiner Schulter erblickt sie auch –Und sie bedeckt sie mit Küssen –Drei kleine Narben, Denkmäler der Lust,Die sie einst hinein gebissen.
Die Mönche konnten mittlerweil’,Baumstämme zusammenfugen;Das war die Bahre, worauf sie alsdannDen todten König trugen.
Sie trugen ihn nach Waltham-Abtei,Daß man ihn dort begrübe;Es folgte Edith SchwanenhalsDer Leiche ihrer Liebe.
Sie sang die Todtenlitanei’nIn kindisch frommer Weise;Das klang so schauerlich in der Nacht –Die Mönche beteten leise. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 21–27., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Schlachtfeld bei Hastings“, Fassung 4.062.748 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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