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Versbuch

Der Apollogott

Heinrich Heine · 17971856

135 Zeilen in 36 Strophen · zuerst gedruckt 1851

I.

Das Kloster ist hoch auf Felsen gebaut,Der Rhein vorüberrauschet;Wohl durch das Gitterfenster schautDie junge Nonne und lauschet.

Da fährt ein Schifflein, mährchenhaftVom Abendroth beglänzet;Es ist bewimpelt von buntem Taft,Von Lorbeern und Blumen bekränzet.

Ein schöner blondgelockter FantSteht in des Schiffes Mitte;Sein goldgesticktes PurpurgewandIst von antikem Schnitte.

Zu seinen Füßen liegen daNeun marmorschöne Weiber;Die hochgeschürzte TunikaUmschließt die schlanken Leiber.

Der Goldgelockte lieblich singtUnd spielt dazu die Leier;In’s Herz der armen Nonne dringtDas Lied und brennt wie Feuer.

Sie schlägt ein Kreuz, und noch einmalSchlägt sie ein Kreuz, die Nonne;Nicht scheucht das Kreuz die süße Qual,Nicht bannt es die bittre Wonne.

II.

Ich bin der Gott der Musika,Verehrt in allen Landen;Mein Tempel hat in GräziaAuf Mont-Parnaß gestanden.

Auf Mont-Parnaß in Gräzia,Da hab’ ich oft gesessenAm holden Quell Kastalia,Im Schatten der Cypressen.

Vokalisirend saßen daUm mich herum die Töchter,Das sang und klang la-la, la-la!Geplauder und Gelächter.

Mitunter rief tra-ra, tra-ra!Ein Waldhorn aus dem Holze;Dort jagte Artemisia,Mein Schwesterlein, die Stolze.

Ich weiß es nicht, wie mir geschah:Ich brauchte nur zu nippenVom Wasser der Kastalia,Da tönten meine Lippen.

Ich sang - und wie von selbst beinahDie Leyer klang, berauschend;Mir war, als ob ich Daphne sah,Aus Lorbeerbüschen lauschend.

Ich sang - und wie AmbrosiaWohlrüche sich ergossen,Es war von einer GloriaDie ganze Welt umflossen.

Wohl tausend Jahr aus GräziaBin ich verbannt, vertrieben -Doch ist mein Herz in Gräzia,In Gräzia geblieben.

III.

In der Tracht der Beguinen,In dem Mantel mit der KappeVon der gröbsten schwarzen Serge,Ist vermummt die junge Nonne.

Hastig längs des Rheines UfernSchreitet sie hinab die Landstraß’,Die nach Holland führt, und hastigFragt sie Jeden, der vorbeikommt:

„Habt Ihr nicht gesehn Apollo?Einen rothen Mantel trägt er,Lieblich singt er, spielt die Leyer,Und er ist mein holder Abgott.“

Keiner will ihr Rede stehen,Mancher dreht ihr stumm den Rücken,Mancher glotzt sie an und lächelt,Mancher seufzet: Armes Kind!

Doch des Weg’s herangetrotteltKommt ein schlottrig alter Mensch,Fingert in der Luft, wie rechnend,Näselnd singt er vor sich hin.

Einen schlappen Quersack trägt er,Auch ein klein dreieckig Hütchen;Und mit schmunzelnd klugen AeugleinHört er an den Spruch der Nonne:

„Habt Ihr nicht gesehn Apollo?Einen rothen Mantel trägt er,Lieblich singt er, spielt die Leyer,Und er ist mein holder Abgott.“

Jener aber gab zur AntwortWährend er sein Köpfchen wiegteHin und her, und gar possirlichZupfte an dem spitzen Bärtchen:

Ob ich ihn gesehen habe?Ja, ich habe ihn gesehenOft genug zu Amsterdam,In der deutschen Synagoge.

Denn er war Vorsänger dorten,Und da hieß er Rabbi Faibisch,Was auf Hochdeutsch heißt Apollo -Doch mein Abgott ist er nicht.

Rother Mantel? Auch den rothenMantel kenn’ ich. Echter Scharlach,Kostet acht Florin die Elle,Und ist noch nicht ganz bezahlt.

Seinen Vater Moses JitscherKenn’ ich gut. VorhautabschneiderIst er bei den Portugiesen.Er beschnitt auch Souveraine.

Seine Mutter ist CousineMeines Schwagers, und sie handeltAuf der Gracht mit sauern GurkenUnd mit abgelebten Hosen.

Haben kein Pläsir am Sohne.Dieser spielt sehr gut die Leyer,Aber leider noch viel besserSpielt er oft Tarok und l’Hombre.

Auch ein Freigeist ist er, aßSchweinefleisch, verlor sein Amt,Und er zog herum im LandeMit geschminkten Comödianten.

In den Buden, auf den Märkten,Spielte er den Pickelhäring,Holofernes, König David,Diesen mit dem besten Beifall.

Denn des Königs eigne LiederSang er in des Königs eignerMuttersprache, tremulirendIn des Nigens alter Weise.

Aus dem Amsterdamer SpielhuisZog er jüngst etwelche Dirnen,Und mit diesen Musen zieht erJetzt herum als ein Apollo.

Eine dicke ist darunter,Die vorzüglich quikt und grünzelt;Ob dem großen LorbeerkopfputzNennt man sie die grüne Sau.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 40–47., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Apollogott“, Fassung 3.847.987 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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