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Versbuch

Des Feindes Tod

Gustav Schwab · 17921850

76 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Wo vom Berg die Felsen rollen,Wo kein Wasser friedlich fließt,Nur im Sturze sich ergießt,Wo die langen Donner grollen.

Dort in Rhätiens finstern Gründen,Wo sich die Natur bekriegt,Wald und Sturm im Kampfe liegt,Kann der Mensch nicht Ruhe finden.

Feindschaft zeugt in seiner SeeleDort der Elemente Streit,Und die Fürsten sind entzweitUm den Sitz in Hain und Höhle.

Seine finstern Thäler neidetRudpert drum dem Adalbert;Jeder greifet nach dem Schwert,Ob sie schon der Waldstrom scheidet.

An der überspritzten Klippe,Kämpfen sie im Wasserschaum,Kämpfen, wo für zween ist RaumAuf der wald’gen Felsenrippe.

Dann im Anger und im ThaleJeder mit ergrimmtem Troß,Jeder auf dem wild’sten Roß;Lang erhitzt sich Stahl am Stahle.

Beider Muth ist stets der gleiche,Beider Sehne gleich gestählt,Beide gleicher Haß beseelt,Keiner weicht dem letzten Streiche.

Bis die Herrscherin der GegendIn den Streit sich mischt, Natur,Irre macht der Rosse Spur,Felsen in die Wege legend.

Rudpert schwanket auf dem Pferde,Und es bäumet sich das Thier,Und mit zornigem Gewieh’rSchleudert es den Herrn zur Erde.

Und man hört die Wasser toben,Weil es stille ward vom Kampf,Nur im grauen NebeldampfKämpft der Wind im Walde droben.

Auf des Feindes AngesichteKehrt mit Frieden ein der Tod,Wischet ab des Zornes Roth,Ueberzieht’s mit blassem Lichte.

Und es nahet sich der LeicheAbgestiegen von dem PferdAuch der Kämpfer Adalbert,Schaut in’s Antlitz ihm, in’s bleiche.

Lauter bei des Grabes StilleSchlägt lebend’ges Menschenherz,Groll und Zorn flieht niederwärts,Und die Brust bewegt der Wille.

Jetzt erbarmt ihn erst der Schöne,Die das Schicksal für ihn schlug,O wie holde Züge trugDieser Jüngling, werth der Thräne!

Und er hat den Feind umfangen,Wie den Bruder seiner Wahl: –Da zuerst durchs wilde ThalIst des Friedens Geist gegangen.

Und die Sonne dringet niederDurch der Nebel alte Nacht,Daß der grünen Wildniß Pracht,Fels und Strom, von Licht glänzt wieder.

Wie den Sieger, auf der Bahre,Führet den gefall’nen FeindAdalbert durchs Thal und weint,Als um eines Freundes Jahre.

In die eigne Gruft gebettetLegt er ihn nach Kampf und Noth;Lieb’ und Freundschaft aus dem TodHat er endlich sich gerettet.

Sey Natur im Kampf geschieden,Krieg der blinden Kräfte Ruhm:Als sein heilig EigenthumPflege doch der Mensch den Frieden!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 370–373, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Des Feindes Tod“, Fassung 3.467.131 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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