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Versbuch

Des Löwen Zunge

Gustav Schwab · 17921850

213 Zeilen in 11 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Schwank.Höret was sich in der StadtLöwenthal begeben hat:

Auf dem Marktplatz war, dem grauen,Bis auf diese Zeit zu schauenDort ein Kunstwerk selt’ner Art,Aus dem Alterthum bewahrt.Auf dem Brunnen, der aus SteinGießt ein Wasser hell und rein,Stand, entlehnt vom WappenschildUnsrer Stadt, ein Marmorbild.Muthig, wachsam, aufgerichtet,Stolz wie ihn die Fabel dichtet,Schön und furchtbar anzusehnSah man einen Löwen stehn;Auf dem schlanken SäulensteineRuhen seine Hinterbeine,Aber beide Pfoten vornReckt er aus in edlem Zorn.Und, als dürft’ er Beute machen,Gähnt er mit dem weiten Rachen,Spitze Zung’ aus off’nem Schlunde,Nach dem Brauch der Wappenkunde.Wer ihn sah, verwundert stand,Pries des alten Künstlers Hand,Der dem Stein ein solches Leben,Solchen Schmuck der Stadt gegeben.

Unterdessen ist’s gekommen,Daß ein Feuer ist entglommen,Das am ganzen Markt gezehrt,Doch den Brunnen nicht versehrt.D’rauf begann man frisch zu bauen,Daß der Markt ward schön zu schauen,Da erstieg das Rathhaus neu:Gegenüber stand der Leu.Wer ein neues Rathhaus hat,Wählt auch einen neuen Rath,Daß in der erneuten HalleAuch die Weisheit neu erschalle.Solches that auch Löwenthal:Bald erschien zum erstenmalIn des edlen Rathes KreisDer gelahrte Stadtschultheiß.Welche wird wohl heut berathenErste von dem großen Thaten,Daß das weise RegimentJeder gleich zu Anfang kennt?Sinnend ist mit finstern BrauenDort der Schultheiß anzuschauen,Hat durch’s Fenster unverwandtStarre Blicke lang gesandt.Endlich fährt er nach dem Sitz,Auf den Lippen Schwert und Blitz:„Trifft uns so verruchte Schmach,Ruft er, schon am ersten Tag?So die Ehrfurcht frech verletzen,Höhnisch trotzen den Gesetzen!Seyd ihr blind, ihr Herrn Collegen?“ –Nein, sie glotzen ihm entgegen. –„Nun so schaut durch’s Fenster doch,Schauet, knirscht und läugnet noch!Dort, das unverschämte Thier,Das aus lauter’m Mitleid wir,Als wir neu gebaut die Gassen,Altes Machwerk, stehen lassen,Gegen das gesammte HausStreckt es seine Zung’ heraus.“

Da durchbebt das Haus der Schall,Kaum gebaut droht es den Fall;Denn das Zürnen seiner RätheRüttelt an der festen Stätte.Ruhe schafft der Schultheiß wieder:Schlägt die Leidenschaften nieder,Weil er schleunig Recht verspricht,Auf der Stelle hält Gericht.Sechse schreien, zu den FlammenSchnell die Bestie zu verdammen!Dieser Rath behaget allen,Bis es einem eingefallen,Daß der Löwe sey von Stein:Darum stimmen sie mit Nein.

„Nun so werfe man den GrausEwig aus der Stadt hinaus.“Weiser Antrag! Doch bei SeiteLegt man ihn nach langem Streite:„Wer des Volkes Launen weiß,Spricht der kluge Stadtschultheiß,Hofft von diesem Mittel wenig:Heute sind sie unterthänig,Morgen fluchen sie dem Rath,Der nicht, was sie wollten, that;Flugs erscheinet übernachtAuch das Thier auf alter Wacht,Grinzt mit seiner bösen FratzenDaß wir dann erst möchten platzen!Horcht auf meinen Rath, ihr Herrn,Den mir giebt mein guter Stern.Sey dem Gliede, das gesündigt,Unbarmherz’ger Tod verkündigt,Und noch vor der heut’gen NachtSey’s vom Steinmetz rasch vollbracht.Ist nur erst die Zunge fort,Mag es steh’n am alten Ort.Hat es keine Zung’ im Schlund,Ist’s, wie ohne Zahn ein Hund!“

Eilig wird der Spruch vollzogen,Schon ist von des Volkes WogenRings der ganze Markt umwallt,Denn das Rathhausglöcklein schallt.Dem verstockten DelinquentenWird der löblichen RegentenGnädigs Urtheil publicirt,Also bald der Streich geführt:Und mit Einem HammerschlagDrunten auch die Zunge lag.Volk und Rath muß herzlich lachen,Wie so albern gähnt sein Rachen,Bang und schläfrig, dumm und faul,So ist’s gar kein Löwenmaul!Nur der Steinmetz, der’s vollbracht,Hat ein trüb Gesicht gemacht;Denn es fühlten seine GeisterEtwas von dem alten Meister,Und ihn dauert’s, daß man schändeSo das Kunstwerk seiner Hände.

Aber stolz auf seine ThatZieht der hochwohlweise RathIn des Stadtschultheißen Haus,Feiert sie mit einem Schmaus.Als nun bei’m gefüllten BecherDer gehöhnten Würde RächerBis zur späten MitternachtWohlbehaglich durchgewacht,Legt ein jeder seine GliederAuf den eig’nen Lorbeer nieder;Und am tiefsten schnarcht zum PreisSeines Weins der Stadtschultheiß.Doch ein furchtbar TraumgesichtGönnt ihm seine Ruhe nicht;Unter jähem DonnerschlageMacht ein Blitz die Nacht zum Tage.Fieber schüttelt seinen Leib,Und ein riesenhaftes WeibSteht vor seinem Bette plötzlich,Blickt aus schönem Aug’ entsetzlich,Steht und weichet nicht vom Ort.Jener spricht ein stammelnd Wort:„Frau, wer seyd ihr, mit Vergunst?“ –„„Wisse, Mensch; ich bin die Kunst.Wohn’ ich doch selbst bei Barbaren;Hast du nie von mir erfahren,Daß du gegen mich zuerstDeine blöde Weisheit kehrst?Du verdientest, daß mein BlitzFühr’ in deinen schnöden Witz.Deiner Thorheit jammert mich,Darum, Wurm, verschon’ ich dich,Doch damit ihr ungestraftNicht mein edles Bildwerk traft,Zeichne meines Hohnes StempelEuch zum ewigen Exempel,Und wer euren Markt besuchetSchaue, wie ich ihn verfluchet!“

Nebel hüllt die Göttin ein,Und der Schultheiß ist allein;Leib und Seel’ erstarrt zu EisLiegt er lang in kaltem Schweiß.Sieh! da hat sein Ehgemahl,Das im ersten SonnenstrahlAn die Wirthschaft frisch gegangen,Lauten Jammer angefangen,Ruft den Mann an’s Fenster schnell,Wo der Markt wird eben hell.„Wehe,“ spricht er, „wuchs dem LeuenEine Zunge wohl von Neuen?“„„Wollte Gott, nur das, doch schau,Schau doch selber!““ schreit die Frau.

Und er schaut im Morgenroth,Was vom Brunnen nieder droht:Auf der schmucken Säulen Spitzen,Sieht aus plumpem Stein er sitzenEinen Esel grau und schändlich,Und sein Ohrenpaar unendlich,Just dem Rathhaus zugenickt,Und kein Leu wird mehr erblickt.Wohl erkennt er da mit ZagenSchon die Hand, die ihn geschlagen;Zu dem Steinmetz schickt er doch;Eine Hoffnung bleibet noch:Eh’ der Leute Spott ihn geißelt,Ist die Schmach herabgemeißelt!

Jener kommt, und in der BrustBirgt er schauend kaum die Lust;An das Werk er dennoch gehet,Weil der Herr so ängstlich flehet.Doch umsonst ist alles Eilen,Denn es brechen Meißel, Feilen,Und den mächtigen GranitNimmt kein Keil und Hammer mit;Mit der Säul’ ist er vermählt,Alle Kraft umsonst sich quält. –Und der Meister fleucht die Stätte;Und der Schultheiß kreucht in’s Bette,Birgt die Schaam im Federnpfühl,Und das Ohr vor dem Gewühl,Das sich auf dem Markte sammelt,Schrecken, Spott und Flüche stammelt.

Was da weiter ist geschehn,Leser, magst du fragen gehn;Wirst du zu der Stadt geführet,Deren Markt ein Esel zieret;Leser, das ist Löwenthal,Dort erfährst du’s wohl einmal.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 290–296, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Des Löwen Zunge“, Fassung 3.467.184 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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