Die beide Gleichen bei Göttingen
Gustav Schwab · 1792–1850
100 Zeilen in 25 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Wer hat die Gleichen sich beschaut?Sie sind am gleichen Tag gebaut,Und auf dem DoppelhügelSchwingt Ein Wind seine Flügel.
Jetzt liegen sie in Schutt und Rauch,Doch kommt heran des Liedes HauchUnd webt zur rechten StelleDie Burgen hoch und helle.
Zwei Brüder bauten rasch daranNach gleichem Sinn und gleichem Plan,Die Mauern grüßten zusammenDes Abendrothes Flammen.
Die Thore wölbten sich zugleich,Die Maurer führten gleichen Streich,Bis beider Thürme SpitzenEin Morgenroth sah blitzen.
Und wo die Wände brüderlichDie eine kehrt zur andern sich,Sie ließen zu beiden SeitenSich den Altan bereiten.
Dann mit der Sonne frühstem StrahlDie guten Brüder jedesmalSie grüßten sich querüberUnd hatten sich desto lieber.
Und mit dem letzten AbendlichtNicht ließen sie die süße Pflicht,Sie winkten sich wie Kinder,Und schliefen um so linder.
Auch ihre Söhne hielten’s so;Darüber Anger und Wald war froh,Thät schöner, als in ganz Sachsen,In solcher Eintracht wachsen.
Und auch der Söhne Söhne noch,Sie grüßten sich wie Brüder dochMit Kuß und Liebeszeichen,Dort vom Altan der Gleichen.
So ging’s in’s zehnte, zwölfte Glied,Bis Einer sonder Erben schied;Doch, welcher es war von Beiden,Die Sage will’s nicht entscheiden.
Wie dieser fühlt sein Ende nah’n,Läßt er sich tragen zum Altan,Er ruft von drüben vor SterbenDen einen Sohn zum Erben.
Von Lieb’ und Eintracht predigt erDen beiden Gleichen theure Mähr;Sturmwolken trieb der Winter,Ein Spätroth stand dahinter.
D’rauf schlief der alte Gleichen ein,Bald drüben auch der Vetter sein,Und von den Schlössern niederDa schauten Brüder wieder.
Doch war nicht Fried’ und Freude seit,Die Erbschaft zeugte bösen Streit;Da führten ihre BahnenSie nicht zu den Altanen.
Der eine zog gen Süden aus,Vom Norden kam der andr’ in’s Haus,Sie suchten sich GenügenIn wilden Fehdezügen.
Der Wald erseufzte von dem Schall,Es klagte laut der WiderhallJa, ihrer Schlösser MauernDie fingen an zu trauern.
Und weil der Väter Eintracht wich,Gebeugte Feinde regten sich:„Leicht ist’s, mit den Entzweiten,“Frohlockten sie, „zu streiten.“
Und dichte Haufen zogen baldHerauf durch beider Berge Wald.Zurück in ihre GleichenDie Brüder mußten weichen.
Sie dachten wohl an des Vetters Wort,Doch fochten sie im Streite fort,Sie hatten im SchwertertönenNicht Zeit sich zu versöhnen.
Auch ist umringt schon beider Burg,Und keiner kann zum andern durch,Zusammen konnten sie siegen,Allein muß jeder erliegen.
Und jetzt gesprengt ist beider Thor,Und mordend steigt der Feind empor,Er schwingt die Siegesfahne –Da treten sie zum Altane.
Das erstemal sie grüßen sichVon Herzen laut und brüderlich;Den Speer in hohen Handen,Wohl haben sie sich verstanden.
Sie winken mit den Augen hell,Sie werfen ihre Speere schnell,Die in den Lüften sausendDurchkreuzen hoch sich, brausend;
Und jeder trifft des andern HerzSie winken und sinken ohne Schmerz;Da fangen an zusammenDie Burgen aufzuflammen.
Und spät im tiefen Schutt und SandDie Leichen man beisammen fand; –Sturmwolken trieb der Winter,Ein Spätroth stand dahinter.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 222–226, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die beide Gleichen bei Göttingen“, Fassung 3.486.522 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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