Der Vogt von Hornberg
Gustav Schwab · 1792–1850
236 Zeilen in 29 Strophen · zuerst gedruckt 1828
In drei Romanzen.1.In jener Zeiten Schwere,Wo Luthers fromme LehreDie uns zu Gottes EhreDer theure Brenz gebracht,Noch hülflos in der WiegeBedrängt vom schweren Kriege,Geängstet ward vom SiegeDer span’schen Heeresmacht:
Da hat es sich begeben,Daß noch ein rechtes Leben,Ein muthiges BestrebenIm Dörflein Gutach war.Dort lehrte noch zur StundeMit seinem freien Munde,Aus seines Herzens Grunde,Ein Pfarrer fromm und klar.
So stand er ohne Sorgen,An einem SonntagsmorgenIm Kanzelstuhl geborgen,Um den die Menge wogt:Da kommt mit raschen SchrittenIn andrer Hörer MittenDurch’s Kirchenthor geschrittenDes Hornbergs neuer Vogt.
„’S ist keiner von den Bösen!Jedoch den Text ihm lesen,Mag doch nicht übel wesen!“Der Pfarrer bei sich spricht:Er fordert die verdammten,Unglaubigen Beamten,Die all’ der Höll’ entstammten,Vor Gottes Strafgericht.
Als er der langen PredigtMit Poltern sich entledigt,Für Schweiß und Müh’ entschädigt,Steigt er vergnügt herab;Ihm naht der Vogt mit Nicken,Mit Gruß und Händedrücken:„Laßt euch zu Mittag blicken,Ehrwürd’ger, schlagt’s nicht ab!“
Was ist’s? er muß wohl kommen!Er saß und aß beklommen,Doch als er eingenommenDen guten Neckarwein,Und ihn der Vogt von HerzenErgötzt mit ehrbar’n Scherzen,Wollt’ ihn schon reu’n und schmerzenDas übermäß’ge Schrei’n.
Behaglich war es Beiden;Da sprach der Vogt bei’m ScheidenZuletzt: „Herr! könnt ihr’s meiden,So predigt nicht so streng!Das Schimpfen und das Schelten,Glaubt mir, es frommet selten,Und wem es just soll gelten,Dem macht’s um’s Herz nicht eng.“
Das zieht dem guten AltenDie Stirn’ auf’s neu’ in Falten;Er spricht halb ungehalten,Halb aber noch im Scherz:„Ihr werdet mich nicht fragen,Doch wenn ihr’s könnt ertragen,Was hier die Leute sagen,So leg’ ich’s euch an’s Herz:“
„Er fischet nicht im Trüben,Mag Trunk und Spiel nicht üben,Treibt kein verbot’nes Lieben,Fürwahr, Er ist kein Vogt!O, laßt die Leute schmähen,Sie werden’s nicht verstehen: –Ihr scheut das Kirchengehen!Fürwahr, ihr seyd ein Vogt!“
2.Er predigt’ immer länger,Er predigt’ immer strenger,Da ward die Brust ihm enger,Da ward die Lung’ ihm krank;Bis daß er widerstrebend,Des Amtes sich begebend,Vom heißen Fieber bebend,Auf’s Siechenbette sank.
Er mußte lange liegen,Kein Schlummer mocht’ ihn wiegen,Der Trost ging ihm versiegen,Er lag so gar allein.Es fingen die GedankenIm Zweifel an zu wanken;Da stellte bei dem KrankenDes Vogts Besuch sich ein.
Der naht sich seinem BetteRückt ihm die Lagerstätte,Greift Alles in die WetteMit Magd und Diener an;Bringt labende Geschenke,Erfüllt die leeren SchränkeMit Speis’ und mit Getränke,Und pflegt den kranken Mann.
So kommt und kommt er wieder,Und setzt sich zu ihm nieder,Indem er fromm und biederManch tiefes Trostwort spricht;Aus seinem Munde quellenDie schönsten Bibelstellen;Von Thränen glänzt, von hellen,Des Kranken Angesicht.
Des Vogtes Worte riefenDie Hoffnungen, die schliefen,Des Glaubens tiefste TiefenAus seiner Seele Grund.Das Wort, das er, entzündet,Vorlängst dem Volk verkündet,Verklärt, verherrlicht findetEr’s in des Trösters Mund.
Das dringt in seine Säfte,Erneuert ihm die Kräfte,Belebet das GeschäfteDer ringenden Natur.Jetzt heilt, was war verwundet,Was krank war, das gesundet,Und Trank und Speise mundet:Vollendet ist die Kur.
Die Frühlingsboten sangen,Da kam ihn zu umfangenZum letztenmal gegangenDer Vogt, sein Trost und Hort.„Ich ziehe meiner Gassen,Bin dieses Amts entlassen;Laßt eure Hand mich fassen:Gott sey mit eurem Wort!“
Der Pfarrer, tief sich neigend,Auf seine Hand sich beugend,Dann auf die Brust sich zeigend,Auf die erstarkte, spricht:„O könntet ihr hier lesen,Wie sie sich fühlt genesen!Wer ihr auch seyd gewesen:Ein Vogt, Herr! seyd ihr nicht!“
3.Jetzt predigt er so milde,Nach seines Meisters Bilde,Das Wort in dem GefildeWuchs unter seiner Hand.Und Friedenstauben flogen,Und über wilden WogenErschien der Regenbogen:Der Feind zog aus dem Land.
Da trocknete die Zähre,Da reifte froh die Aehre,Da hub die gute LehreDas müde Haupt in Kraft.Den frommen Rath der AltenSah man zu Stuttgart walten,Die Kirche sich entfaltenBefreit aus langer Haft.
Und wo durch’s KriegestobenSich eine Stimm’ erhoben,Das laut’re Wort zu loben,Die hallt in aller Ohr.Drum, wo wer unbethöretIn schwerer Zeit gelehret,Den rief man hochverehretVor allem Volk hervor.
Da macht sich auf die ReiseZu seines Amtes Preise,Beschieden vor die Greise,Von Gutach unser Hirt:Daß ihm gelohnet werde,Weil sich von seiner HeerdeTrotz Jammer und BeschwerdeKein Schäflein hat verirrt.
Er kommt mit Furcht und Beben;Er hat in seinem LebenNicht viel sich abgegebenMit hoher Obrigkeit.Er will im Vorsaal bleiben,Da sitzen viel und schreiben;Die Angst sich zu vertreibenHat er da gute Zeit.
Die Diener lernt er kennen,Die hin und wieder rennen,Jetzt wagt er sich zu nennen,Er will gemeldet seyn.„Seyd Ihr’s? Euch kann’s nicht fehlen!Ja, Herr, ihr dürft nur wählen,Euch steht, auf meine Seelen,Bei’m Brenz im Brett ein Stein!“
„„Bei’m Brenz? bei’m Probst und Rathe?Der Kirche Hort im Staate,Der drin in dem SenateDen hohen Vorsitz führt?Wann hat mich der gesehen?Wie sollte das ergehen,Daß seines Geistes WehenMein niedrig Haupt berührt?““
Ein geht er zu der PfortenMit solchen Zweifelsworten;Doch wen erblickt er dorten?Ist auch sein Auge klar?In Seide, Sammt und SpitzenMit gold’nem Kreuze blitzen,Zu oberst sieht er sitzenDen Vogt von Hornberg gar!
Der streckt mit Gruß und Segen,Wie alte Freunde pflegen,Die treue Hand entgegen:„Gelobt sey Jesus Christ!Ihr habt wohl unterdessenDen Flüchtling gar vergessen,Der als ein Vogt gesessenZu euren Füßen ist?“
„Ihr aber seyd mir theuer,Getreulich dacht’ ich euer,Und eurer Worte FeuerHat oft mich noch durchglüht;Wie kann man euch vergelten?Ihr seyd ein Hirte selten,Zumal seit ihr mit ScheltenEuch nicht vergeblich müht.“
„„Für Sorgen und Beschwerden,““Spricht jener, „„kann auf ErdenKein größ’rer Lohn mir werden,Als solches Mannes Wort.Jetzt geh’ ich ruhig schlafen;Und, wollt ihr mich nicht strafen,So laßt mich bei den SchafenZu Gutach fort und fort!““
„„Wie will ich dort erzählenDen lieben, frommen Seelen,Will ihnen nicht verhehlen,Daß ihr den Vogt nicht logt.Ihr seyd, was ihr gewesen,Zum Vogt seyd ihr erlesen;Ihr seyd, zu Trotz dem BösenHerr Brenz! des Himmels Vogt!““
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 275–283, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Vogt von Hornberg“, Fassung 3.466.521 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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