Zum Inhalt springen
Versbuch

Herzog Ulrich vor Neufen

Gustav Schwab · 17921850

56 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Müd vom Schlagen und vom SiegenZieht der Herzog durch sein Land,Droben sieht er Neufen liegenAuf der dräu’nden Felsenwand.Heißer Strahl der FrühlingssonnenBrennt auf Reiter und auf Roß –Wäre doch das Nest gewonnen!Ruft der Landgraf, sein Genoß.

Und so reiten sie die StegeDurch den kühlen Wald hinauf;Lauscht kein Hinterhalt im Wege?Regnen keine Kugeln drauf?Nein, es ist kein Feind zu spüren,Alle Zinnen stehen leer,Auf bequemen Brücken führenDurch den Burgwall sie das Heer.

Aus dem Schlosse tönt entgegenIhnen nicht Geschützes Knall,Sondern Priesters Wort und Segen,Und ein heller Orgelschall.Und von mehr als Einer SchüsselSüßer Dampf herüber weht,Und der Burgvogt mit dem SchlüsselVor dem offnen Thore steht.

„Ritter Berthold, du Verwegner,Sprich, was macht denn dich so zahm?Du mein Feind und ew’ger Gegner,Bist du worden blind und lahm?Aber deine Blicke glänzen,Wie kein blindes Auge glüht!Und dein Haus schickt sich zu Tänzen,Wie kein Lahmer drum sich müht!“

„Herr!“ erwiedert’ ihm der Ritter,Warf sich vor des Herzogs Fuß:„Seyd nicht eurem Knechte bitter,Nennt auch feig nicht seinen Gruß.Mir ist heut ein Sohn geboren,Meines Hauses erster Stern;Wird mir der, – hab’ ich geschworen, –Will ich huld’gen meinem Herrn.“

„In der Kirche, den zu taufen,Stehet mir der Burgpfaff schon.Seyd ihr nicht zu müd vom Raufen,Werdet Pathen meinem Sohn!Nicht vergessen solche GnadeWird der Vater und das Kind,Die zu Neufens steilem PfadeHundert Jahr lang Wächter sind!“

Ei, gelegen kommt den Fürsten,Solche Ladung nach dem Kampf,Die nach kühlem Weine dürsten,Schielen nach der Schüsseln Dampf.Und der Herzog reicht dem DegenFreundlich die Versöhnungshand,Schenkt dem Knaben seinen Segen,Und ein schön Stück Ackerland.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 329–330, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Herzog Ulrich vor Neufen“, Fassung 1.535.728 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

Mehr von Gustav Schwab

Alle Gedichte von Gustav Schwab ansehen

Gedichte aus dieser Epoche: Romantik

Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.