Das Neckarthal bei Cannstadt
Gustav Schwab · 1792–1850
41 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Auf eine Landschaft von Steinkopf.Zarter Ueberflug von Licht,Das aus frühem Nebel bricht!Welch ein Thal aus fernen LandenIst vor meinem Blick erstanden?
Weiche Hügel hingestreckt,Dicht mit Baum und Strauch gedeckt,Und von Wäldern übersäumet,Drob ein Morgenhimmel träumet.
Reifen mag in Höh’n und SchluchtHier es wohl von Wunderfrucht,Tönen in den LaubgehängenMag’s von fremden Vogelsängen.
Dörfer stehn in halber Nacht –Welch Geschlecht wohl dort erwacht?Du, die Augen aufgeschlagen,Blauer Fluß, woher getragen?
Ueber Wellen ruft dein Steg,Durch’s Gesträuche lockt der Weg,Und der Berge graue KetteBirget neue Wunderstätte.
Aber hell in’s Thal hinausBlickt ein heitres Säulenhaus,Lädt zu kühlem Sitz den müdenWandrer ein in diesem Süden.
Ach das Bleiben auf den Höhn,Ach das Ziehen ist so schön!Soll ich wandern, soll ich weilen?Soll ich ruhen, soll ich eilen?
Doch wie, wird mir, ist’s kein Traum?Bist du’s, trauter Früchtebaum?Winkst aus wohlbekannter LaubeDu mir, heimathliche Traube?
Nein, es ist kein fernes Thal,Schwaben, Schwaben allzumal!Welch ein herrlich Land mein eigen,Muß mir’s erst der Maler zeigen?
Nicht zur duft’gen Ferne hinStrebe, ruheloser Sinn!O wie süß im NachbarthaleRuhet sich’s im Sonnenstrahle!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 118–119, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Neckarthal bei Cannstadt“, Fassung 2.566.456 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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