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Versbuch

An die Wände einer Bergkapelle angeschrieben

Gustav Schwab · 17921850

40 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Wie die Heiligen, die dich bewohnen,Selig heiter steht dein milder Bau,Wie herabgesenkt aus bessern ZonenAdelst du die abgeschiedne Au.Unter dir das irdische Gewimmel,Ueber dir des Himmels ew’ge Ruh’;Und du schwebest zwischen Erd’ und Himmel,Lächelst freundlich beiden zu.

Einen Platz nur hast du von der ErdeAufgenommen in dein still Gebiet,Einen, dessen traurige GebärdeJede lebensfrohe Menge flieht.Wo die schwarzen Kreuze deutend stehen,Wo der Boden ahnungsvoll sich schwellt,Willst du tief ein ernstes Feld besäen,Für den Himmel, nicht die Welt.

Lieblich blicket nach dem Feld der LeichenAus den Fenstern dein Marienbild,Und ich flehe zu der Lebensreichen:Mir auch lächle, Jungfrau, zart und mild!Vielen hast du Trost und Heil geboten,Und gelindert manchen herben Schmerz;Bist du eine Pflegerin der Todten,Wecke denn mein sterbend Herz!

Liebeskrank wird Liebe nur es heilen:Deine LiebesüberschwenglichkeitKannst du sie mit einer Jungfrau theilen,Hold wie du, und züchtig und geweiht?Gieb ihr nur von deiner, deiner Liebe,Schenk’ ihr nur die neigungsvolle Ruh’,Daß sie so in ihrem reinen TriebeAuf mich niederschau’, wie du!

Aber du, geheiligte Kapelle,Laß, o laß mich Einmal nur mit IhrBetend knien auf deiner heil’gen Schwelle,Vor der aufgethanen Himmelsthür!Fällt von ihren gottdurchdrungnen BlickenEiner liebend dann auf mich – o nun!Laß mich todt, nach himmlischem Entzücken,Unter deinen Kreuzen ruhn!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 10–11, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „An die Wände einer Bergkapelle angeschrieben“, Fassung 2.197.801 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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