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Versbuch

Die Dämonen der Städte

Georg Heym · 18871912

48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1911

Sie wandern durch die Nacht der Städte hin,Die schwarz sich ducken unter ihrem Fuß.Wie Schifferbärte stehen um ihr KinnDie Wolken schwarz vom Rauch und Kohlenruß.

Ihr langer Schatten schwankt im HäusermeerUnd löscht der Straßen Lichterreihen aus.Er kriecht wie Nebel auf dem Pflaster schwerUnd tastet langsam vorwärts Haus für Haus.

Den einen Fuß auf einen Platz gestellt,Den anderen gekniet auf einen Turm,Ragen sie auf, wo schwarz der Regen fällt,Panspfeifen blasend in den Wolkensturm.

Um ihre Füße kreist das RitornellDes Städtemeers mit trauriger Musik,Ein großes Sterbelied. Bald dumpf, bald grellWechselt der Ton, der in das Dunkel stieg.

Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breitWie ein Reptil, den Rücken gelb geflecktVon den Laternen, in die DunkelheitSich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt.

Sie lehnen schwer auf einer BrückenwandUnd stecken ihre Hände in den SchwarmDer Menschen aus, wie Faune, die am RandDer Sümpfe bohren in den Schlamm den Arm.

Einer steht auf. Dem weißen Monde hängtEr eine schwarze Larve vor. Die Nacht,Die sich wie Blei vom finstern Himmel senkt,Drückt tief die Häuser in des Dunkels Schacht.

Der Städte Schultern knacken. Und es birstEin Dach, daraus ein rotes Feuer schwemmt.Breitbeinig sitzen sie auf seinem FirstUnd schrein wie Katzen auf zum Firmament.

In einer Stube voll von FinsternissenSchreit eine Wöchnerin in ihren Wehn.Ihr starker Leib ragt riesig aus den Kissen,Um den herum die großen Teufel stehn.

Sie hält sich zitternd an der Wehebank.Das Zimmer schwankt um sie von ihrem Schrei,Da kommt die Frucht. Ihr Schoß klafft rot und langUnd blutend reißt er von der Frucht entzwei.

Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen.Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hältEs vor sich hin. In ihrem Rücken klaffenDes Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärts fällt.

Doch die Dämonen wachsen riesengroß.Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot.Erdbeben donnert durch der Städte SchoßUm ihren Huf, den Feuer überloht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 16-17, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Dämonen der Städte“, Fassung 3.487.982 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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