Der Schläfer im Walde
Georg Heym · 1887–1912
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Seit Morgen ruht er. Da die Sonne rotDurch Regenwolken seine Wunde traf.Das Laub tropft langsam noch. Der Wald liegt tot.Im Baume ruft ein Vögelchen im Schlaf.
Der Tote schläft im ewigen Vergessen,Umrauscht vom Walde. Und die Würmer singen,Die in des Schädels Höhle tief sich fressen,In seine Träume ihn mit Flügelklingen.
Wie süß ist es, zu träumen nach den LeidenDen Traum, in Licht und Erde zu zerfallen,Nichts mehr zu sein, von allem abzuscheiden,Und wie ein Hauch der Nacht hinabzuwallen,
Zum Reich der Schläfer. Zu den HetairieenDer Toten unten. Zu den hohen Palästen,Davon die Bilder in dem Strome ziehen,Zu ihren Tafeln, zu den langen Festen.
Wo in den Schalen dunkle Flammen schwellen,Wo golden klingen vieler Leiern Saiten.Durch hohe Fenster schaun sie auf die Wellen,Auf grüne Wiesen in den blassen Weiten.
Er scheint zu lächeln aus des Schädels Leere,Er schläft, ein Gott, den süßer Traum bezwang.Die Würmer blähen sich in seiner Schwäre,Sie kriechen satt die rote Stirn entlang.
Ein Falter kommt die Schlucht herab. Er ruhtAuf Blumen. Und er senkt sich müdDer Wunde zu, dem großen Kelch von Blut,Der wie die Sammetrose dunkel glüht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 21-22, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Schläfer im Walde“, Fassung 3.443.533 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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