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Versbuch

An unsere Leser!

Rudolf Lavant · 18441915

74 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1884

Ein halber Mann, dess‘ Tage schwindenIn selbstischer Befangenheit . . .Du sollst im Busen mitempfindenDen hohen Wellenschlag der Zeit!Ein schlechter Mann, dem da gelassenDurch das Geäder schleicht das Blut . . .Du sollst voll tiefen Ingrimms hassenUnd lieben mit der Seele Glut!

Du sollst zur Linken oder RechtenDich schlagen ― das ist Pflichtgebot!Du sollst mit blanker Waffe fechten,Getreuen Muths, in Glück und Noth!Der Fahne treu, die du erkoren,Sollst du, gebeugt von keiner Pein,Ein Kind der Zeit, die dich geboren,In jedem Athemzuge sein!

Das drängt und treibt! Ein flüchtig StockenHemmt selten nur den raschen Gang.Wirf dich mit Jauchzen und FrohlockenHinein in all den Sturm und Drang!Du lebst in einer Zeit der Wunder:Was heute gleißt in goldnem Schein,Fliegt morgen zu verjährtem Plunder ─Versuch׳ es, ihrer werth zu sein!

Sei ganz, was deine Pflichten fordern,Was diese große Zeit begehrt!Laß hell die Gluth, die heil’ge, lodern,Und lächle, wenn sie dich verzehrt!Und wenn im Kampf die Jahre schwanden,Sei stolz auf deines Hauptes Schnee;Du hast in Reih und Glied gestandenMit den Soldaten der Idee! ─Doch sieh, es kommen stille Stunden,In denen du aufs Schwert dich lehnstUnd dich nach Balsam für die Wunden,Nach Ruhe unaussprechlich sehnst;In denen sich mit sanftem MahnenIn deiner Brust ein Flüstern regt,In denen dich ein FriedensahnenIm tiefsten Herzensgrund bewegt.

Laß diese sanften Stimmen tönen!Wie weit du auch von ihm getrennt ─Es giebt ein heitres Reich des Schönen,Das Wandel nicht und Schranke kennt;In dem mit gütiger GeberdeVon ihrem Thron die Göttin steigt,Das dem enttäuschten Sohn der ErdeDie lächelnde Vollendung zeigt.

Und eine stille WunderblütheLieß jede Zeit in ihm erstehn ─Sie duftet lieblich im Gemüthe,So lang der Erde Vesten stehn.Ein Klingen steigt empor und RauschenAus diesen Welten des Gefühls,Doch mußt du wohl hinunterlauschen,Entrückt dem Lärmen des Gewühls.

Du sollst sie stets vor Augen haben,Des Schönen leichtverwischte Spur ─Du sollst an seinem Reiz dich labenIm Reich der Kunst, in der Natur.Es ist ein Trost, ein milder Segen,Und wer sie jemals voll empfand,Der fühlt‘ es auf die Stirn sich legenWie eine weiche Frauenhand.

Nur einen Tag von sieben träume ―Doch diesen einen halte werth!Ein Tempel sind die engsten RäumeSo oft er lächelnd wiederkehrt.Hat er vom Staub des KampfgefildesDie müde Seele rein gemacht ―Dann frisch zurück in rauhes, wildes,Erbittertes Gefühl der Schlacht!Rudolf Lavant

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Berliner Volksblatt: Organ für die Interessen der Arbeiter / Illustrirte Sonntags-Beilage, J. H. W. Dietz in Stuttgart, Berlin, 1884
Digitalisat
de.wikisource.org — „An unsere Leser“, Fassung 4.458.720 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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