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Versbuch

Verlorene Freunde

Rudolf Lavant · 18441915

49 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1879

So oft auf schmalem LebenspfadeMich überholt ein rascher Fuß,So oft ein Wandrer freundlich nahteMit hellem Blick und warmem Gruß —Ich schlug, gerührt von seinem Bitten,In seine Rechte freudig einUnd weiter sind wir dann geschritten,Als könnt' es nimmer anders sein.

Doch lange nicht. Das Plaudern stockteUnd gar zu einsam war der Weg,Und auf die breite Straße lockteEs ihn zurück vom Wiesensteg.Ich sah ihn eilig weiter wandernUnd oft noch winken mit der Hand,Bis im Gewühl der vielen andernDer einzelne dem Blick entschwand.

Doch war ich nie darob in Reue,Daß meinen spröden, kühlen StolzEin Wort voll Biederkeit und Treue,Ein Blick voll echter Güte schmolz,Daß ich erglühte und erbleichte,Und daß es seltsam mich beglückt,Wenn ich die Hand, die dargereichte,In stummer Innigkeit gedrückt.

Wenn lustig zwitschernd Dir und schwirrendEin Vöglein auf die Schulter fliegt,Und an die Wange, leise girrend,Das Köpfchen Dir vertraulich schmiegt,Wenn Deine Hand sich ohne ZagenEin Falter wählt als Ruheziel,Und auf und zu sich leise schlagenDie bunten Flügel wie im Spiel —

Bist du nicht bang, daß ein BewegenDen lieben kleinen Gast verscheucht,Und macht dir nicht ein tiefes RegenDer Dankbarkeit die Wimper feucht,Und hat wie Veilchenduft im Winter,Dich das Vertrauen nicht gerührt,Das Dir die schlauen, schnellen KinderDer freien Lüfte zugeführt?

Daß sie kein Hauch vor Dir vertriebe,Beherrschst Du jeden Athemzug,Und stießest rau zurück die Liebe,Die Dir ein Mensch entgegentrug.Obwohl es nur ein SicherneuenDes gleichen holden Wunders ist,Wenn treulich nahn die EwigscheuenUnd wenn sein Ich ein Mensch vergißt?

Rudolf Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Wilhelm Fink, Leipzig, 1879
Digitalisat
de.wikisource.org — „Verlorene Freunde“, Fassung 3.527.241 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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