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Versbuch

Agrarisches Manifest

Rudolf Lavant · 18441915

65 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893

(1891.)

Bei jedem Anlaß, der sich bot,Bekundeten wir stets aufs NeueErgebenheit bis in den TodUnd absolute Kaisertreue.Doch treibt die Sache nicht zu weit,Zu Gunsten von verhetzten Massen!Ihr müßt in alle EwigkeitDen Kornzoll hübsch in Ruhe lassen!

Wir opfern willig Gut und BlutAuf dem Altar des Vaterlandes;Bekanntermaßen ist der MuthEin altes Vorrecht unsres Standes.In jedem Amt sind wir bereit,Für euch uns lächelnd aufzureiben,Doch treibt die Dinge nicht zu weit –Der Kornzoll muß bestehen bleiben!

Uns geht’s auch heute herzlich schlechtBei so viel Rang- und Standespflichten,Und auf ein wohlerworbnes RechtSoll man gefügig da verzichten?Der Kornzoll ist und bleibt gefeit,Ob Alles schwankend auch auf Erden –Erhöht kann er zwar jederzeit,Doch darf er nie erniedrigt werden!

Was leiht sein Ohr der König darDem Plebs und seinen frechen Klagen?Denn wäre Alles wirklich wahr,Was haben wir danach zu fragen?Macht ihnen Sparsamkeit zur Pflicht;Wir tragen auch an schweren Lasten,Doch unternehmt das Wagniß nicht,Den Kornzoll jemals anzutasten!

Und wenn ihr’s dennoch wagt und thut,So kommt euch froh genug die Reue,Denn dieser Zoll ist – kurz und gut! –Zugleich das Rückrat unsrer Treue!Wenn ihr, was nie geschehen mag,Euch dergestalt an uns versündigt,So wird euch an demselben TagDie Heeresfolge aufgekündigt!

Ihr kennt an uns nur ein Gesicht:Den milden Ernst, den friedevollen;Jedoch vergaloppirt euch nicht –Wir können zürnen auch und grollen!Der Schwatz, wenn man bei Tafel sitzt,Ist schließlich Alles nur Geflunker;Die Frage hat sich zugespitztZum knappen Satz: Kein Zoll, kein Junker!

Schlagt nicht die Warnung in den Wind –Ihr werdet euch in Nesseln setzen!Die Stelle, wo wir sterblich sind –O hütet euch, sie zu verletzen!Es lebt sogar im HerrenhausNoch der Vasallentrotz, der echte;Ist’s mit dem Kornzoll wirklich aus,So sucht euch eine andre Rechte!

Ja, wir bestehn auf unsrem ScheinBis an das Ende aller Tage;Hier werden wir unbeugsam sein,Denn hier kommt das Prinzip in Frage!Ja wohl, wir sind aus Rand und BandUnd nagen blutig uns die Lippen;Kommt her und wagt’s, mit kecker HandAn unsern Kornzoll nur zu tippen!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Agrarisches Manifest“, Fassung 3.492.290 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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